Jeden Schilling wert!

Vergiss die Realness

Autor: Walter Schilling

 

 

Dieser Teil von „Jeden Schilling wert!“ befasst sich tatsächlich mit den Vorzügen der fehlenden Realness. Denn beim genaueren betrachten hat es sie nie in diesem Maße gegeben, wie sie propagiert worden ist. Schon die ersten aller Rapcrews, stellte sich als eine Castingband heraus, während große und wichtige Hip-Hopper ihren Namen verkauft haben. Obendrein verfügen auch viele Hörer gar nicht über die Möglichkeit, um ein Fake-Image zu durchschauen. Wer verbringt schon seine Freizeit mit den Künstlern? Aus dem Keep-it-real-Gedanken wurde schon sehr früh eine Neiddebatte zwischen Untergrund und Mainstream, die am Ende niemandem so recht geholfen hat und trotzdem immer noch ausgetragen wird.

Seit Anbeginn der Zeit ist die Realness im Rap eine romantische Vorstellung, eine Fantasie, die mit der Realität nicht immer übereinstimmt. Das Märchen, dass Rapper das sind, worüber sie auch rappen, ist mit der Story vom Weihnachtsmann gleichzusetzen. In der Praxis sieht und sah das Ganze nämlich ein wenig anders aus. Nehmen wir The Sugar Hill Gang, die mit ihrem Song Rapper’s Delight einen echt Welt-Hit erschaffen haben und Rap bis nach Deutschland brachten. Was als eine kleine Jugendkultur in der Bronx, New York, angefangen hat, wurde plötzlich auf der ganzen Welt gefeiert. Rapper’s Delight waren 1979 in Deutschland, Neuseeland, Großbritannien, Frankreich und auch in Skandinavien das Ding. Mit der berühmten Realness hat die Gruppe aber mal überhaupt nichts am Hut, denn sie war nichts anderes als eine Casting Band. Sylvia Robinson nahm drei völlig fremde Rapper unter Vertrag, um aus ihnen The Sugar Hill Gang zu machen. Die Reime zum Song Rapper’s Delight stammen übrigens aus der Feder von Grandmaster Caz, der für die Texte wohl keinen einzigen Cent bekommen hat, weil er mit seinem Reimbuch zu naiv umgegangen ist. Kurtis Blow war auch ein Rapper seit Tag eins und ist gleichzeitig der aller erste Goldrapper (weil Sugar Hill Records nicht im Verband der Musikindustrie war, konnten sie mit ihrem Song Rapper’s Delight auch nicht Gold gehen). Er trat schon sehr früh in den dekadenten Clubs von Queens auf und hat mit der Gangromantik, wo man Streitigkeiten mit gewaltfreien Hip-Hop-Battles löste, herzlich wenig am Hut. Das Etikett der Realness trugen stattdessen die ärmlicheren und finanziell erfolgloseren Rapper wie Afrika Bambaataa oder Grandmaster Flash. Wobei letzterer auch kein Vorzeige Hip-Hoper ist. Die meisten Beats, die seinen Namen tragen, wurden gar nicht von ihm produziert. Aber damals interessierten sich wahnsinnig viele Kids in New York für Grandmaster Flash und es war absehbar, dass sich eine Platte mit seinem Namen besser verkauft, als wenn der Name irgendeiner unbekannten Band zu lesen ist. Anhand all dieser Beispiele sieht man, dass der Keep-it-real-Gedanke von Anfang an mit Füßen getreten wurde. Es war nicht mehr als ein Schutzmechanismus derer, die es nicht geschafft haben, mit ihrer Kunst Geld zu verdienen. Frei nach dem Motto: Arm aber echt. Ein Streit, der in den USA begann und nach Deutschland überschwappte. Die Rapgruppe Advanced Chemistry (bestehend aus Torch, Toni-L, Gee One und DJ Mike MD) gelten als die ersten Rapper, die ihre Texte auf Deutsch schrieben und vortrugen. Doch die ersten, die es damit in die Charts schafften, waren Die Fantastischen Vier. Für die Anhänger von Advanced Chemistry waren die Fantas durch ihren Erfolg keine echten MC’s mehr und es wurden Argumente gesammelt, warum sie es angeblich auch nie waren. Sie wären z.B. nie auf den echten Hip-Hop-Jams gewesen oder wären schon allein deswegen nicht echt, weil sie bei einem Majorlabel unter Vertrag stehen. 

Auch bei aktuellen Rappern, die ein Image pflegen, das von den meisten Kids als wahr empfunden wird, ist noch lange nicht geklärt, ob ihr Image auch echt ist. Als ich Chefket für ein Interview kennengelernt habe, machte er auf mich überhaupt nicht den Eindruck, als wäre er der glücklichste Rapper. Das schafft er nur in seinen Videoclips und auf der Bühne, sonst aber nicht zwingend. Auch deswegen ist LGoony ein wunderbarer Gegentrend, der über seinen nicht vorhanden Reichtum rappt und damit auch offen umgeht oder Crack Ignaz, der vor kurzem in einem Interview gesagt hat: „Die Realness zeigt sich bei uns darin, dass wir die Realness nicht in die Kunst einfließen lassen.“ 

Zwar sagte Megaloh einst: „Rap ist die einzige Mucke, wo man das, was man sagt, auch verkörpern muss.“, doch die Wahrheit sieht nunmal anders aus. Die Realness ist einfach nur ein schönes Märchen im Hip-Hop.

Songs zum Thema Realness

The Sugarhill Gang - Rapper's Delight

Kurtis Blow - The Breaks

Afrika Bambaataa - Planet Rock

Grandmaster Flash - The Message

ADVANCED CHEMISTRY - Fremd Im Eigenen Land

Die Fantastischen Vier - Die da

LGoony - Millionen Euro


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Kommentare: 3
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