Interview mit EstA

„Ich war innerlich sehr unzufrieden und Alkohol hat das nur noch weiter gepusht.“

Autor: Walter Schilling

Foto: Lee Maas

 

 

Esta kennt innerhalb der Rapszene wohl ziemlich jeder, ob nun durch das VBT, Baba Saads Label Halunkenbande oder durch den Diss auf dem Hit Choices von Money Boy. Genau mit diesem Esta sprachen wir anlässlich seines neuen Albums BestA sowohl über den angekündigten Longplayer als auch über den Gegenwind, den er fast so lange spürt, wie er rappt. Von vielen Zuschauern des VBT’s gehatet, für den Deal bei der Halunkenbande stark kritisiert und von diversen Rappern gedisst, musste er oftmals einstecken. Man könnte sagen, dass EstA einmal mehr aufgestanden ist, als er fiel, und genau unter diesem Blickwinkel scheint das Cover seines zweiten Albums BestA umso interessanter. 

Lass uns zuerst über deine Labeltrennung sprechen. Du warst noch bis vor kurzem bei der Halunkenbande [Anm. d. Verf.: Musiklabel vom Rapper Baba Saad] unter Vertrag, wo du aber nur ein einziges Soloalbum veröffentlicht hast. Wann hast du für dich gemerkt, dass du dort kein zweites Tape rausbringen wirst? Während der Promophase von EstAtainment?

Nein, Quatsch. Danach habe ich noch an den beiden Labelsamplern Beuteschema I und Beuteschema II mitgearbeitet. Auf dem ersten Teil war ich  sogar noch auf vielen Songs vertreten, aber nach dem zweiten Sampler musste ich mich entscheiden. Ich habe dort für drei Alben unterschrieben, womit ich nach Beuteschema II den Vertrag erfüllt hatte und ich mich dann gefragt habe, ob ich einen neuen unterschreibe. Aber ich habe mich bei der Halunkenbande nicht mehr auf lange Sicht gesehen und bin deshalb dort ausgestiegen. 

 

Warum hast du dich dort nicht mehr auf lange Sicht gesehen? Liegt es an dem Image, das die Halunkenbande hat?

Anfangs fand ich genau diesen Clash so interessant: Ein normaler, deutscher Rapper unter all diesen Straßenjungs. Wir haben zwar die Fanbases etwas vermischen können, aber ehrlich gesagt, war das erste Album dadurch sehr schwierig. Denn viele Fans des Labels konnten mit mir nichts anfangen. Da kommt so ein Deutscher mit EstAtainment, einem soften Sommeralbum um die Ecke, da haben die erst einmal dumm geguckt. Meine Songs auf dem Sampler kamen schon deutlich besser an, wo ich aggressivere Battlesongs gemacht habe. Gerade mein neues Album BestA hat aber einen sehr musikalischen, organischen Sound mit vielen eingespielten Instrumenten. Das ist keine explizierte In-die-Fresse-Mucke. Das sind richtig ausproduzierte Lieder, manchmal auch ganze Themensongs und irgendwann bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass ich dafür den Vertrag mit der Halunkenbande nicht verlängern werde.

 

Das Label ist mittlerweile sehr dünn besetzt, denn dort sind nur noch Cashisclay und Punch Arogunz unter Vertrag. Ich finde, dass du und Punch musikalisch gar nicht so weit voneinander entfernt seid. Ihr beide steht eben nicht für Straßenmusik, wobei er natürlich etwas aggressiver rappt als du. Die Halunkenbande ist nicht mehr das, was sie am Anfang war, sondern durchlebt eine Wandlung. Glaubst du nicht, dass du dadurch deinen Platz dort gefunden hättest?

Zuerst einmal: Der größte Unterschied zwischen mir und Punch ist der, dass mein aktuelles Album viel besser als sein letztes ist [lacht]. Spaß am Rande, aber ich habe mich dort einfach nicht mehr gesehen. Ich habe mir darüber viele Gedanken gemacht und bin alle Pros und Kontras durchgegangen. Dafür habe ich eine echte Liste erstellt, aber die Entscheidung aus dem Bauch heraus gefällt. Denn ich hatte nicht mehr das Gefühl, dass es das Richtige ist. Jetzt bin ich bei Nur! Musik, einem ganz jungen Label aus Hamburg und bin sehr zufrieden mit der Entscheidung. 

 

Dann können wir nun zu deinem Album BestA kommen. Ich finde schon das Cover sehr bemerkenswert, wo du in einem Boxring zu sehen bist. Du hast in deiner ganzen Karriere bislang viel Gegenwind erhalten und dich so gesehen „durchgeboxt“. Bis heute noch gibt es sowohl Sticheleien zwischen dir und Weekend als auch mit Money Boy.

Das war auch tatsächlich eine Anlehnung daran, aber der Hauptgedanke war ein anderer. Das Bild ist ja eine sehr berühmte Mohammed Ali Pose, was schon viele gar nicht verstanden haben. Dort bin ich nicht nur als Sieger zu sehen, sondern bin auch der, der am Boden liegt. Das steht wiederum dafür, dass nur ich mich K.O. schlagen kann. Außerdem symbolisiert es mein altes Ich, das aus dem Weg geräumt wird, denn jetzt gibt es etwas ganz Neues zu hören. Schließlich ist auch meine Zeit bei der Halunkenbande beendet, wodurch es nochmal neu los geht. 

Zur Geschichte mit Money Boy möchte ich an dieser Stelle auch etwas sagen. Zuvor haben wir schon auf Twitter immer wieder gegeneinander gestichelt und auf dem Song hat er sich auch über viele andere Rapper negativ geäußert und anfangs war ich auch echt sauer auf Money Boy. Mittlerweile kann ich es aber gar nicht mehr ernst nehmen und finde es lustig. 

 

Mittlerweile kannst du also ganz gut damit leben, oder?

Jetzt ist es ja so, dass ich den Hashtag #magstduesta selber verbreite und nehme das Ganze mit Humor.

Zu deinem Album bekam ich noch einen schönen Pressetext, in dem fast so viel über Sinch zu lesen ist wie über dich. Harmoniert es zwischen euch beiden so gut?

Wir haben uns bei den Aufnahmen zu Beuteschema I kennengelernt und haben uns von Anfang an gut verstanden. Wir sind menschlich einfach auf einer Wellenlänge gewesen. Daraufhin habe ich ihn irgendwann gefragt, ob er nicht Lust hat, mit mir zusammen mein nächstes Album zu produzieren. Er hat direkt zugesagt und während der Arbeit an BestA hat sich unsere Freundschaft weiterentwickelt. Wie das bei einem Album nunmal ist, haben wir viel Zeit im Studio verbracht. Mittlerweile sehen wir uns auch oft privat.

 

Kam der Kontakt zwischen dir und Sinch über Baba Saad zustande?

Ja, während der Arbeit an dem Album Beuteschema I. Er hat auch ein paar Beats zu dem Sampler beigesteuert, wobei ich mir darüber gar nicht mehr so sicher bin. 

 

Seid ihr damals zu Sinch gegangen, um in seinem Studio die Songs aufzunehmen?

Ja, weil er ein Studio in Hamburg hat. Saad kommt ja aus Bremen und Punch aus Wilhelmshaven, also auch nicht weit weg. Ich war der Einzige, der einen weiten Weg hatte, denn ich musste aus Konstanz - wo ich studiert habe - immer hoch fliegen. 

 

Im Pressetext steht auch: „[EstA wollte] unbedingt eine breite Vielfalt bieten, aber gleichzeitig musikalisch den roten Faden wahren.“ Was würdest du als den roten Faden bezeichnen? 

Auf jeden Fall die Beats. Mir war es wichtig, mit einem Produzenten an dem Album zu arbeiten. Bis auf einen Song hat er auch tatsächlich alles produziert. Schon bei EstAtainment habe ich nur mit einem Produzenten gearbeitet, damals 2Bough, denn es ist mir wichtig, einen Sound für ein Album zu haben.

Du arbeitest an deinen Alben grundsätzlich gerne mit einem einzigen Produzenten zusammen. 

Genau. Ich weiß gar nicht warum das so ist, aber es hat sich jetzt wieder bei BestA bestätigt, dass ich auf dieser Schiene ganz gut fahre. Kool Savas arbeitet da ja anders und hat sich 60 Gigabyte - oder mehr - an Beats zuschicken lassen, von ganz verschiedenen Produzenten und sich die Besten gepickt. Aber für mich ist ein Album auch ein Prozess und finde es ganz interessant, wenn ich mal nur Layouts geschickt bekomme, wo man den Beat nur erahnen kann. Dann kann ich auch meine Vorschläge noch unterbringen. 

 

Ich persönlich finde, dass man dein Album auch in eine A- und B-Seite hätte trennen können. Auf der einen deine melodischen Thementracks, wie Sex mit der Ex, und auf der anderen deine pushenden Battlerapsongs wie Was da los. 

Und genau das finde ich so interessant. Ich kenne auch nur wenige Rapper, ohne mich an dieser Stelle in den Himmel loben zu wollen, die diesen Spagat so gut wie ich können. Denn selbst meine pushenden Songs haben eine eingehende, melodische Hook. 

 

Nach den beiden Songs Ohne Dich und Sex mit der Ex hatte ich das Gefühl, dass Beziehungen für dich auch anstrengend sind.

[lacht] Dazu muss ich sagen, dass diese Songs nicht ganz so ernst gemeint und etwas überspitzt dargestellt sind. Aber gerade Ohne Dich ist doch sehr interessant, denn meine Freunde, denen ich den Song schon vorgespielt habe, fanden, dass der Song zu klischeehaft sei. Als ich aber nachgehakt habe, konnte niemand leugnen, in keiner der Situationen schon gewesen zu sein, die ich dort schildere. Ich finde, dass ich den Nerv damit ganz gut getroffen habe, obwohl es tatsächlich überspitzt ist. 

Auf dem Song Highmat rappst du darüber, dass du früher gerne viel gekifft hast, aber auch über die Probleme, die es mit sich zog. Inzwischen scheint kiffen sogar eine Beleidigung für dich zu sein. Auf Was da los disst du: „Deine Freundin ist ein Junkie, ihr Lieblingssong ist Hits from the Bong.“ Da hat sich viel bei dir getan…

Man sammelt in seinem Leben eben Erfahrungen und geht durch eine Entwicklung. Ich finde, dass der Song Highmat meine Erlebnisse ganz gut beschreibt und es war damals auch eine geile Zeit! Wir haben viel gechillt und der Zusammenhalt innerhalb der Gruppe war krass. Aber irgendwann wird man eben erwachsen und entwickelt sich weiter. Es ist nur sehr schade, dass manche dadrauf total hängengeblieben sind.

 

Insofern hängengeblieben, dass sie immer high sind?

Ja, das auch. Ich bin kein Gangster und ich will gar keine Klischeesätze abgeben, aber ich habe auch Freunde, die im Knast sind. Ich sehe das einfach so, dass man sich aus seinen Erfahrungen weiterentwickeln muss und das habe ich gemacht. Heute habe ich wenig Verständnis für Drogen und nehme auch keine, abgesehen von Alkohol, der ab und zu ins Spiel kommt. Ich bin heute total Anti was das Thema angeht und ich merke, dass es bei mir immer größer wird. 

 

Das erinnert mich an ehemalige Raucher, die früher ohne Ende geraucht haben, es heute aber komplett verteufeln und niemandem gestatten in ihrer Nähe zu rauchen.

Ganz so schlimm ist es bei mir nicht. Ich habe auch noch Freunde, die sich hin und wieder einen Feierabendjoint genehmigen, aber das ist nichts für mich. 

Ist dein Song Tunnelblick nach einer wahren, von dir erlebten Geschichte oder maßlos übertrieben [Anm. d. Verf.: EstA rappt in diesem Song über eine Zeit, in der er gerne Alkohol getrunken hat, der ihn wiederum sehr aggressiv gemacht hat. Die Folgen waren neben Streit, Stress und Schlägereien eine Vorstrafe]?

Das habe ich Tatsächlich so erlebt, beziehungsweise etwas mehr umschrieben. Das Ganze ist schon länger her und gehört zu den ersten Songs, die ich für das Album geschrieben habe. Es war eine wilde Zeit, in der ich mit mir selbst nicht im reinen war. Das hätte alles nicht sein müssen und heute bin ich eher ein Streitschlichter, der nichts mit Gewalt zu tun haben möchte. Man darf auch meine Battleraptexte nicht als gewaltverherrlichend verstehen. 

 

Wirst du jetzt durch das Trinken nicht mehr aggressiv oder trinkst du nicht mehr so viel, dass du so hitzig wirst?

Ich war innerlich sehr unzufrieden und Alkohol hat das nur noch weiter gepusht. Ich habe nach meinem Abi erstmal eine Ausbildung gemacht, die mir überhaupt nicht gefallen hat, dann kamen auch noch private Sachen dazu, wodurch sich einiges angestaut hat. Es war auch eine Phase in meinem Leben, in der ich meine Grenzen getestet habe und ich glaube, dass die mal jeder hat. Heute trinke ich auch noch Alkohol, aber nicht mehr so exzessiv wie früher. 

 

Die Aggressionen steckten also bereits in dir drin und der Alkohol hat sie nur zum Vorschein gebracht?

Ja und so geht es vielen beim Trinken. Man sagt ja, dass man betrunken der ehrlichste Mensch ist und die Gefühle dann richtig zum Vorschein kommen. Es gibt auch viele, die betrunken zum Beispiel anfangen zu weinen. Gerade deswegen kann Alkohol sehr gefährlich werden und man sollte bei Problemen nie zur Flasche greifen. 

 

Die letzten Worte gehören dir:

Am 12.02.16 kommt mein Album BestA und ihr dürft darauf sehr gespannt sein. Ich habe dort in den letzten 24 Monaten mein ganzes Herzblut reingesteckt und mir sehr viel Mühe gegeben. Supportet mich und holt euch das Album! 


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