Interview mit B-Tight

„Die BPJM [hat] gecheckt, dass meine Songs nicht so ernst gemeint sind.“

Autor: Walter Schilling

Foto: Mark Neyer

 

 

B-Tight kann auf eine lange und bewegte Karriere als Rapper zurückblicken. Von einem Leben, in dem er nicht mal das Geld hatte, um im Winter heizen zu können, hin zu den Erfolgen mit Aggro Berlin. Doch als das Label seine Pforten schloss, wurde es lange Zeit still um B-Tight. Aber im Jahr 2015 gelang ihm sein erfolgreiches Comeback mit Retro, das er mit Born 2 B-Tight bestätigte. Er ist nicht nur zurück, sondern wieder ein fester Teil unserer Rapszene. Gerade weil er schon so lange ein Teil davon ist, konnten wir mit ihm in unserem Skypeinterview über die Veränderungen im Deutschrap sprechen - auch hinsichtlich der Gewalt, die wieder aufzublühen scheint. Des Weiteren thematisierten wir sein neues Album Born 2 B-Tight und die Gründe, weshalb er mittlerweile nicht mehr auf dem Index landet.

Im Vergleich zu deiner Aggro-Zeit machst du heutzutage viel mehr selbst. Du arbeitest sowohl an deinen Videos als auch bei der Organisation deiner Touren mit und kümmerst dich selbst um deinen Facebook-Account, wo du viele Fanfragen selbst beantwortest. Ist die Kunstperson B-Tight schon allein dadurch persönlicher als früher?

Nein, denn meine Kunstfigur steckt noch immer in den Songs, die vor allem in den harten Liedern zu finden ist. B-Tight ist der coolste F***er, der alles zerstört. Wenn ich mich aber um Fanfragen kümmere, dann bin es ich, Bobby, der ihnen antwortet und als dieser schreibe ich auch mit ihnen. Im wahren Leben bin ich etwas chilliger, wobei zerstören manchmal echt geil ist [lacht]. 

 

Kannst du dadurch, dass du alles selber machst, von deiner Musik besser leben als früher - ohne genaue Zahlen zu nennen?

Ich lebe von meiner Musik, wobei es heute weniger ist als es noch bei Aggro 

Berlin war. Ich kann damit meine drei Kinder ernähren, meine Frau konnte ihren alten Job problemlos kündigen und eine Umschulung machen. Sie hat sich beruflich nochmal ganz neu orientiert, was überhaupt kein Problem war. Ich bin zwar nicht reich - aber es reicht [grinst].

 

Was ich an deinem neuen Album schon mal ganz interessant finde, ist die Tatsache, dass du fast eine komplett andere Featurliste im Vergleich zu Retro hast.

Ich mag es einfach nicht, immer das Gleiche zu machen. Ich hätte natürlich auch wieder die alten Gäste einladen können, um neue Songs zu schreiben, aber das wäre mir einfach viel zu langweilig. Blockmonster ist die einzige Ausnahme, weil ich ihn sofort auf diesem Song gehört habe. Da kam ich einfach nicht drumherum, es mit ihm fertigzumachen. Er musste dadrauf! Davon abgesehen hatte ich Bock mit anderen Leuten zu arbeiten und nicht noch einmal Retro zu machen. 

 

Partys sind auch auf deinem neuen Album Born 2 B-Tight ein Thema. Wie oft gehst du tatsächlich aus, da du dich auch um deine Familie kümmern musst? Bleibt für dich als Familienvater dafür überhaupt noch viel Zeit?

Die Tourneen sind immer tolle Partys. Ein Auftritt ist in sich selbst eine Party und danach gehe ich auch noch gerne auf eine Aftershowparty. Eine lange Tour reicht mir aber schon aus, um den Rest der Zeit wieder in Berlin chillen zu können. Zuhause angekommen habe ich meist gar keine Lust mehr auf Partys und entspanne mich.

Du tourst auch sehr lang und ausgiebig durch Deutschland, wodurch ich gut verstehen kann, dass es irgendwann auch mal langt. In deinem Pressetext wird der Sound von Born 2 B-Tight als „Sekte-Sound in geil“ beschrieben. War er es früher nicht?

Es geht dabei wirklich um den Sound. Wir haben früher unsere Beats auf der Playstation produziert und selber abgemischt. Mastering gab es schonmal gar nicht und die Songs haben wir dann direkt von der Playstation auf die Tapes gebracht. Wenn man sich die alten Sachen heute anhört, merkt man gleich, wie verrotzt und roh der Sound war. Das Feeling ist auf Born 2 B-Tight das gleiche geblieben, aber die Tracks sind viel klarer als zu Sekte-Zeiten. Das will der Pressetext damit sagen und ich kann das auch nur unterschreiben. 

 

Seit Goldständer wirst du nicht mehr indiziert. 

Yes [lacht]!

 

Deine ersten fünf Alben wurden es noch allesamt. Gibst du dir mittlerweile Mühe, dass das nicht mehr passiert?

Nein, aber meine Ausdrucksweise hat sich in den letzten Jahren etwas geändert. Außerdem glaube ich, dass die BPJM gecheckt hat, dass meine Songs nicht so ernst gemeint sind. Die wissen jetzt bescheid, dass ich keine Menschen verbrenne oder sie zu Tode f***e, und haben begriffen, dass Rap auch eine Kunstform ist. Es wird allgemein nicht mehr so stark indiziert, wie es früher einmal war. Dass ich nicht mehr indiziert werde, ist quasi ein Zusammenspiel aus mehreren Faktoren.

 

In einem Interview hast du gesagt, dass gute Kunst für dich provokant sein muss. Wie hast du es im Detail geschafft, zu provozieren, ohne auf dem Index zu landen?

Es ist die Erfahrung, die ich in den letzten Jahren gesammelt habe, die den Unterschied macht. Man muss genau den Punkt erwischen, wo man zwar noch provoziert, aber eben nicht zu viel. Auf dem Song Ich war’s nicht rappe ich über die gleichen Themen wie früher, nur anders verpackt. Das ist das Kunststück! Wenn ich den Song höre, fühle ich mich wieder wie 25 [lacht]. 

In deinem Song Letzte Runde gehst du auch auf Beef ein, der handgreiflich wird, und rappst: „Fängst du dich an zu prügeln, bist du ein rappender Idiot.“ In Zeiten von Klingelstreichen und Stadtverboten ist deine Aussage keine Selbstverständlichkeit. Befürchtest du, dass es vielleicht doch mal eskalieren wird?

Ich kenne es noch von früher, wo es viel schneller eskalierte als es heute der Fall ist. Im Moment geht es ja, weil die Rapper gecheckt haben, dass Handgreiflichkeiten viele negative Dinge mit sich ziehen. In der Regel bleibt es nämlich nicht bei der einen Auseinandersetzung, sondern wird ein hin und her. Bei einem richtigen Beef kann man nirgendwo mehr vernünftig chillen, auch auf Festivals wird es schwierig und das ist heutzutage doch jedem bewusst. Deswegen wird man nicht mehr so schnell handgreiflich, wenn es aber doch passiert, wird man nirgendwo mehr eingeladen und in der Musikszene bist du der Idiot, der sich nicht artikulieren kann, sondern gleich damit anfängt, sich zu prügeln. So jemand will niemand bei sich in der Nähe haben und deswegen ist es gut, dass man sich dessen auch bewusst ist. Klar gibt es noch Klingelstreiche und Stadtverbote, aber es passiert danach meist nichts.

 

Hattest du die beschriebenen Probleme auch nach der Auseinandersetzung mit Azad auf dem Hip-Hop Open?

Nein, wir hatten danach keine Probleme. Es war schließlich Azad, der Stress gemacht hat - wir wurden von ihm angegriffen. Für ihn war es, glaube ich, danach schwieriger, gebucht zu werden und sowas. So weit ich weiß, wurde auch seine anschließende Tour nicht so gut besucht und danach habe ich ihn kaum noch auf Festivals gesehen. Die Aktion hat ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht, aber umso schöner ist es, dass er jetzt wieder da ist. An dieser Stelle auch Respekt für seine Musik, die mir sehr gut gefällt. Aber nehmen wir zum Beispiel das Ding mit Fler und Bushido, wo Fler von seinen Jungs bei MTV angegriffen worden ist. Danach war es für Bushido auch schwierig, überall dabei zu sein und es war auch hinter den Kulissen sehr viel los. Ich glaube, dass die Jungs aus meiner Generation einfach keinen Bock auf diesen Stress haben und es deswegen so gechillt geworden ist.


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