Interview mit Jahmica

„Trap - wie auch Boombap - [ist] keine zeitgemäße Musik.“

Autor: Walter Schilling

Foto: Alexander Knobl

 

 

Allein die Tatsache, dass sich ein weißer, deutscher Rapper Jahmica nennt, strahlt schon Provokation aus. Schließlich ist das eine direkte Anlehnung an Jamaica, ein Land, in dem die Mehrheit der Bevölkerung schwarz ist. Es geht ihm wohl tatsächlich mehr um den Reiz, den er mit seinem Namen auslöst, als zu verdeutlichen, wie sehr ihn die karibische Kultur beeinflusst hat, denn das hat sie nur minimal. Auch in seinem Song Ich Schie$$e, in dem er die „Trap-Szene" kritisiert, zeigt er, dass er gerne für Brüskierung sorgt. Jedoch polarisiert das Lied aber nicht wegen seiner Vorwürfe, sondern weil er es auf einem „Trap-Beat" macht. Doch da das Lied schon selbsterklärend ist, sprach ich im Skypeinterview mit dem jungen Leipziger mehr über die Unterschiede zwischen Mixtape und Album, seiner Teilnahme am Raptags Contest und undifferenzierte Facebook-Kommentare.

Du rappst schon viele Jahre. Seit 2011 lädst du in Youtube regelmäßig Musikvideos hoch und hast dazu Mixtapes und EP’s veröffentlicht. Schon damals war das Feedback, das du bekommen hast, fast durchweg positiv. Gerade zum Song Spasskammer gab es nur gute Resonanzen. War das damals auch der Grund, warum du drangeblieben bist?

Wenn man sich anschaut, was für verschiedene Songs ich bereits veröffentlicht habe, kann Feedback nicht der Grund dafür sein, dass ich rappe. Ich mache Musik, weil sie aus mir herauskommt. Aber natürlich freue ich mich, wenn es jemand geil findet. Im Zweifelsfall kann man mit negativer Rückmeldung sogar mehr anfangen als mit positiver, weil man sich damit mehr auseinandersetzt. 

 

Aber ich habe mich schon sehr gefreut, dass Spasskammer so gut ankam. Gerade im sehr undurchsichtigen Internet, kann Musik schnell untergehen. Es gibt nunmal sehr viele Rapper und da war das Feedback, das ich bekam, nicht selbstverständlich.

Es hat sich tatsächlich etwas gedreht. Mittlerweile bekommst du deutlich mehr Hater-Kommentare.

Das liegt auch daran, dass ich anfangs in einer kleinen Blase stattgefunden habe. Jetzt bekommen mehr Leute meine Musik mit und da ist es ganz natürlich, dass verschiedene Leute darauf aufmerksam werden, die auch einen ganz anderen Musikgeschmack haben. Zu Beginn bestand mein Publikum fast ausschließlich aus Leipzigern und Musikliebhabern. Mittlerweile habe ich ein deutlich breiteres Publikum und das es dort unterschiedliche Musikgeschmäcker gibt, ist etwas ganz natürliches.

 

Du gehst auf undifferenzierte Facebook-Kommentare sogar ein. Ein User schrieb dir zum Song Ich Schie$$e: „Ist manchmal besser nicht das zu machen wie alle anderen...in diesem fall sollten viele rapper diesen Trap scheiß lassen, du leider auch.“ [Originalzitat aus Facebook] Dann antwortest du: „Meine Rede“. Du kommunizierst mit ihnen.

 

Ich habe gar nicht näher ausgeführt, was ich mit „Meine Rede“ genau meine. Mache ich auch nicht. Man sollte sich einfach mal das reinziehen, was ich auf dem Song sage und mir wirklich zuhören. Dann versteht man vielleicht auch besser, was ich mit Ich Schie$$e sagen möchte.

Wie bereits erwähnt, hast mehrere Releases hinter dir: EP’s, Mixtapes etc. Warum betonst du trotzdem, dass du noch ganz am Anfang bist? Schließlich rappst du schon seit vielen Jahren. Wie passt das genau zusammen?

Es kommt darauf an, wie man den Anfang definiert. Meine vorherigen Releases habe ich bei mir zuhause aufgenommen und sie waren auch nicht ausproduziert. Aktuell arbeite ich mit dem Produzenten iGadget an meinem ersten Album. Es ist etwas ganz anderes im Vergleich zu meiner früheren Musik und sie bekommt eine viel größere Dichte. Ich habe erst jetzt das Gefühl, dass ich ernsthaft Musik mache. 

 

Du würdest also sagen, dass es deswegen ein Album ist, weil du nicht mehr Musik aus dem Kinderzimmer heraus machst und mit mehr Leuten daran arbeitest.  

Ich kann nicht sagen, dass es generell so ist. Bei mir ist es zumindest der Fall. Meine Texte und Raps haben durch diesen Prozess mehr Hand und Fuß bekommen. Ich bin jetzt beim gesamtem Prozess mit dabei und habe ein ganz anderes Gefühl zu meiner eigenen Musik als früher. Erst jetzt fühle ich, dass ich Rap mache und verfolge es ernsthafter.

 

Über die Jahre hat sich deine Soundästhetik etwas verändert. Während du früher auf eine sehr traditionelle Weise gerappt hast, tust du es heute deutlich seltener. Findest du Boombap nicht mehr zeitgemäß?

Doch und ich finde diese ganze Diskussion darüber total lächerlich. Es ist völlig egal, ob man Boombap oder Trap-Musik macht. Viel wichtiger ist es, ob mich der Beat flasht oder nicht. Wenn er es tut, dann mache ich was darauf. Wenn man meinen Song Ich Schie$$e richtig peilt, merkt man, dass ich dort sage, dass Trap - wie auch Boombap - keine zeitgemäße Musik mehr ist, wenn wir über wirklich zeitgemäße Musik sprechen. Es gibt immer wieder Stilistiken, die mal angesagt sind und irgendwann wieder verschwinden. Die Soundästhetik von dem, was man Trap nennt, ist genau das: Nichts Neues. Hört euch einfach Tapes aus Memphis im Jahre 1995 an. Wenn man das mit der heutigen Musik vergleicht, wird man viele Zusammenhänge entdecken können.

 

Du hast dein Mixtape äußerst facettenreich gestaltet, indem du dir sehr unterschiedliche Beats ausgesucht hast. Befindest du dich noch in einer Art Selbstfindungsphase?

Wann ist man denn nicht mehr in der Selbstfindung? Natürlich sollte man bei einem Album Musik abliefern, die man in drei oder vier Jahren nicht peinlich findet. Aber letztendlich ist die Selbstfindung nie abgeschlossen und man befindet sich ein Leben lang darin. Ich saß einfach daheim und hatte Lust auf verschiedene Beats zu rappen. Warum soll ich dann das Ergebnis nicht online stellen? Musik nicht zu veröffentlichen, ist für mich ein sehr rückständiges Denken. Natürlich gibt es eine gewisse Qualitätskontrolle und ich veröffentliche ja keine Songskizzen. Es sind halt Mixtapesongs. Diejenigen, die es mögen, werden es sich holen und alle anderen nicht. Es wird keiner gezwungen, das Mixtape zu hören. Warum also nicht veröffentlichen? Es gibt ja Künstler wie Lil B, die fast jeden Monat ein neues Mixtape veröffentlichen. Moneyboy hat das nach Deutschland gebracht, wobei mir das schon zu extrem ist. Es passt auch nicht ganz zu meiner persönlichen Arbeitsweise, aber es gibt nichts daran auszusetzen, wenn Künstler viel Musik veröffentlichen. 

 

Du hast auch beim Raptags Contest mitgemacht, wo es laut deren Aussage darum ging, „das größte, noch unentdeckte Rap-Talent“ zu finden. Du hast es dort unter die besten Zehn geschafft. Überlegst du schon beim nächsten Contest mitzumachen?

Keine Ahnung, ich bin gar nicht der große Contestfan. Ich habe dort auch nur mitgemacht, weil man mich dazu gezwungen hat. Ich wurde in ein Van gepackt, in ein entlegenes Waldstück entführt, wo man mir die Glock [Anm. d. Verf.: Eine Selbstladepistole] an die Schläfe gehalten hat. Der Entführer sprach bloß: „Du machst dort entweder mit oder das war es mit deinem Leben.“ Ich antwortete ihm nur, dass wenn es denn sein muss, ich dabei sei. 

 

Durch Raptags hast du gar nicht so viel Aufmerksamkeit dazu gewonnen. Deinen Song Reich sein, den du dort aufgenommen hast, haben sich nur wenige angehört. 

 

Es gab auch keine Promo dazu. Ich habe es nicht einmal gepostet, was keinen speziellen Grund hat. Für mich ist an einem Video nur wichtig, dass es auch meinen ästhetischen Vorstellungen entspricht. Ich bin kein Fan von Videos, in denen jemand angestrengt vor dem Mikrofon steht und Rapbewegungen macht. Deswegen habe ich das Video nicht als das neue Ding nach außen getragen. Aber ich bin cool damit.

Du hast das Album mit iGadget erwähnt. Wie weit seid ihr? Wird es 2016 rauskommen?

Es kommt auf jeden Fall 2016!

 

Die letzten Worte gehören dir!

 

Ich habe noch zwei wichtige Dinge zu verkünden: Tupac wäre stolz auf mich und 2013 wird unser Jahr!

 

Autor: Walter Schilling

Foto: Alexander Knobl


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