Interview mit 3Plusss (Teil 2 von 2)

„Ich bin extra nicht mitgefahren, weil ich auf den Anruf von Fler gewartet habe.“

Autor: Walter Schilling

Foto: Lukas Richter

 

Im ersten Teil unseres Interviews ging es fast ausschließlich um Deutschrapinterviews und wenig um die Musik. Das haben wir im zweiten Teil unseres Skypeinterviews nachgeholt, da seine neue EP Auf der Stelle schon genug Gesprächsstoff liefert. Doch dabei blieb es nicht. Wir kamen nicht umhin nochmal über Fler und einen möglichen Streit zu sprechen. Außerdem ging es auch um Battleturniere. Da 3Plusss bereits vor vier Jahren bei einem Videbattleturnier für Furore sorgen konnte, wollte ich wissen, ob er nicht auch mal an Livebattles teilnehmen möchte. Doch zuerst sprachen wir über seinen äußerst gelungenen Facebook-Scherz!

Bevor wir zu deiner EP kommen, müssen wir über deinen neuesten Facebook-Scherz sprechen. Du postest dort, unter dem Namen Fhugtastisch, Dinge von dir, die nicht ganz stimmen. Also so wie die echten Faktastisch Plattformen.

Was Putin laut diesen Plattformen schon so alles gesagt haben soll, ist unglaublich. Vor kurzem haben die ein Filmzitat von Man on Fire genommen, was in Wahrheit Denzel Washington gesagt hat, und es als Putin-Zitat gekennzeichnet: „Terroristen zu vergeben ist Gottes Aufgabe, sie zu ihm zu schicken, ist meine.“ Der Mist hatte über 100.000 Likes! Wer weiß, wie viele Millionen von Menschen es gesehen und nicht geliked haben? Rapper fangen jetzt auch schon damit an und posten ihre eigenen Zitate in Bildern, um mehr Reichweite in Facebook erzeugen zu können. In Facebook kommen Bilder mit Sprüchen wahnsinnig gut an und da wollte ich natürlich mitspielen. Denn alles was mit Musik zu tun hat, bekommt in Facebook wenig Beachtung. 

Dagegen bekommt man mit diesen dreckigen Lügen eine große Resonanz in den Social Media Kanälen. Es gab tatsächlich Leute, die geglaubt haben, dass ich das Bundesverdienstkreuz für den besten Wie-Vergleich bekommen habe [„Scheiß auf alles wie ´ne Taube“]. Es lief besser als gedacht. Ich liebe das Internet!

 

Auf dem Cover deiner neuen EP ist ein sehr ramponiertes Fahrrad zu sehen, das an einem Laternenmast angelehnt ist. Dort ist wiederum das Gewerkenstr.-Schild angebracht. Hat dieser Ort irgendeine Bedeutung für dich?

In dieser Straße bin ich tatsächlich aufgewachsen. Während der Entstehung meiner neuen EP habe ich wieder sehr viel Zeit in meiner Heimat verbracht. Man könnte sagen, ich habe mich zu meinen Wurzeln zurückbesinnt. Nach meinem Album Mehr ist zwar viel passiert, aber auch ein großes Chaos entstanden. Um es etwas ruhiger zu halten, bin ich in meine alte Heimat zurückgekehrt und habe sehr viel I Don’t Like Shit, I Don’t Go Outside von Earl Sweatshirt gehört. Für meine Spaziergänge bin ich auch nur maximal zwei Blocks weit gelaufen. Als ich in dieser Phase irgendwann den Namen für meine EP hatte, kam mir noch am gleichen Abend in den Kopf, wie das Cover auszusehen hat. Irgendwann haben wir einen geeigneten Platz gefunden und eine zeitlang habe ich ernsthaft darüber nachgedacht, das Straßenschild zu zensieren. Nicht, dass es noch zu einer Pilgerstätte wird und meine ehemaligen Nachbarn davon genervt werden. Aber so wichtig wie die Beatles bin ich dann doch nicht, dass man davor Angst haben müsste [lacht].

 

Vielleicht fehlen dir dafür auch nur ein paar Beefgeschichten.

Ja, Mann! Fler hat auf Alles was mich juckt nicht reagiert. Das war schon ein bisschen traurig, wo ich es mir doch fast gewünscht habe. 

 

Hast du es darauf abgesehen und vielleicht schon einen richtigen Disstrack parat gehabt?

Nein, mit Fler möchte man sich auch nicht unbedingt anlegen. Ich wurde nur gewarnt, dass mich Fler nach der Veröffentlichung von Alles was mich juckt anrufen und mir eine Standpauke halten wird. Hat er aber nicht gemacht. Freunde von mir sind an diesem Tag nach Holland gefahren und ich bin extra nicht mitgefahren, weil ich auf den Anruf von Fler gewartet habe. Nicht, dass ich mich gerade im Supermarkt befunden hätte, wenn er mich anruft. Das wäre eine ganz miese Situation, wenn ich mit einer Hand die Einkäufe halte und mit der anderen das Handy, um mit Fler zu telefonieren. Ich habe mir den ganzen Tag frei gehalten und dann hat er doch nicht angerufen. Das hat dann doch von Größe gezeigt, dass er in diesem Fall seinem Image nicht gerecht war. Er fand den Track bestimmt nicht cool, hat aber nichts gesagt. 

Vielleicht hat er aber auch einfach nicht deine Nummer rausgekriegt.

Glaube ich nicht. Im Deutschrap könnte wohl jeder die Handynummer von jedem bekommen. Ich möchte keine großen Töne spucken, aber ich könnte bestimmt den ein oder anderen Gefallen einfordern, um die Nummer von jedem Rapper zu kriegen. Aber warum sollte ich das machen? Das ist auch das eigentlich Lustige in unserer Szene! Befeindete Rapper haben gemeinsame Freunde [grinst]. Dann wird in Interviews abgelästert, in Twitter gestichelt und als stiller Zuschauer frage ich mich dabei, warum die nicht einfach mal telefonieren.

 

2012 hast du in einem Interview folgendes gesagt: „Ich hab echt schon milliarden deepe Texte angefangen und mich spätestens nach der achten Line gefragt, wo meine Eier hin sind. Das klang total nach Selbstmitleid.“ Drei Jahre später muss man sagen, dass du deepe Songs doch ganz gut hinkriegen kannst, oder?

Dankeschön. Ich kann das gar nicht richtig beurteilen. Natürlich finde ich, dass ich auch deepe Songs gut schreiben kann, aber ob es alle so sehen? Ich weiß nicht, ob es allgemeingültig ist, dass diese Songs wirklich gut sind. Heutzutage kann ich aber mit dem Selbstmitleid in meinen Texten besser leben. Schließlich baden wir alle von Zeit zu Zeit darin. Manch einer macht es nur, wenn er krank ist und zum Beispiel an Grippe leidet. [Mit einer wehleidigen Stimme] „Kannst du mir irgendwas vorbeibringen? Ich kann nicht rausgehen.“ Der nächste bemitleidet sich selbst wenn die Bahn zu spät kommt: [spricht wieder mit einer wehleidigen Stimme] „Oh nein. Jetzt muss ich ganze zehn Minuten auf die Bahn warten. Immer das Gleiche“. Obendrein gibt es noch Leute wie mich, bei denen beide Fälle auftreten. Es gehört auch ein bisschen zu meinem Lebensstil, in dem ich das Leiden zelebriere. Im besten Fall mache ich daraus einen Witz, über den ich lachen kann und der trotzdem ehrlich ist. 

Ich habe auf deiner EP ein kleines Paradoxon gefunden. Auf dem Song 20:15 mit Edgar Wass und Weekend [Anm. d. Verf.: Auf dem Album von Weekend Für immer Wochenende zu finden] hast du die Line: „Mein Glück definiert sich über euer Pech.“ Auf Normal, der sich auf deiner EP befindet, sagst du aber: „Anderen geht es schlechter, dadurch geht es mir längst noch nicht besser.“ Was stimmt denn jetzt?

Letzteres, neu ist immer besser [grinst]. Natürlich ist es ein kurzzeitiges Vergnügen, wenn ich Videos sehe, wo Leute auf die Schnauze fallen. Aber danach mache ich meinen Laptop aus und mir geht es immer noch nicht besser. Wenn ich in den Nachrichten von einem Anschlag höre, freue ich mich selbstverständlich nicht darüber, dass er passiert ist. Aber ich bin froh, dass ich nicht involviert bin. Wobei dieser Gedanke keine langfristige Lösung ist. Fatoni hat es auf seinem Song Stalingrad gut auf den Punkt gebracht. Man kann sich auch Hodenkrebs schön reden, doch am Ende des Tages geht es dir dadurch nicht besser.

 

Deine EP hat noch immer Battlerapmomente, in denen du deine Größe auf lyrischer Ebene zelebrierst. Videobattleturniere hast du bereits hinter dir. Juckt es dich nicht manchmal, Livebattles unsicher zu machen?

Gar nicht. Der Grund, warum ich damals beim VBT mitgemacht habe, war, dass dort nicht viele Leute zugeschaut haben. Es ist ja erst 2011 groß geworden, als Battleboi Basti, Lance Butters, Weekend und auch ich dort teilgenommen haben. Es gibt natürlich auch noch weitere Rapper, die sich im VBT einen gewissen Status erarbeitet haben. Aber mit uns gab es einen richtigen Boom. Gleichzeitig waren aber meine Rapskills mehr schlecht als recht und ich wäre damit nie auf einer großen Bühne aufgetreten. Ich wollte mit meinen Songs nur ein paar Menschen nerven und dem ein oder anderen den Sieg vereiteln. 

Livebattles sind dagegen auch eine ganz andere Disziplin. Es wäre doch auch umgekehrt eine ganz andere Kiste. Wenn einer von den Jungs von Rap am Mittwoch oder Don’t Let The Label Label You beim VBT mitmacht, wäre es für ihn auch etwas ganz anderes. Er müsste sich plötzlich Videokonzepte ausdenken und mit Leuten arbeiten, die nebenbei noch Vollzeit schaffen gehen. Das muss man erstmal hinbekommen. 

Und du würdest das dann umgekehrt bei einem Livebattle machen?

Genau. Ich müsste zusehen, dass ich auf der Bühne geil drauf bin und auch in Sachen Freestyles überzeugen kann. Denn das ist ein wichtiger Punkt, um auf Punchlines eingehen zu können, die dir vorgeworfen werden. Ich kann aber nicht freestylen beziehungsweise nur sehr schlecht. Allein aus diesem Grund würde ich den Rappern gar nicht dazwischen grätschen, die das wirklich gut können. Live- und Videbattles sind zwei verschiedene paar Schuhe. 

 

Konntest du die Aufschreie seitens der Livebattlefraktion verstehen, die den VBT’lern vorwarfen, dass ihre Kunst nicht so krass sei, weil sie nicht auf Bühnen stehen würden?

Auf Bühnen zu stehen und sich dort live vor Publikum zu batteln, ist eine krasse Kiste. Aber lad’ erstmal ein Video hoch, in dem du dich ständig mit einem anderen Rapper battlest, für das du tausende von Klicks bekommst - inklusive etlicher Kommentare. Stelle wöchentlich neue, geile Videos hoch und arbeite ausschließlich mit Leuten zusammen, die nebenbei auch noch arbeiten gehen und die du nicht bezahlen kannst. Schließlich verdienst du mit der Musik noch kein Geld. Die beiden Disziplinen kann man nur schwer miteinander vergleichen, denn sie haben ihre eigenen Ansprüche. 

 

Autor: Walter Schilling


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