Interview mit 3Plusss (Teil 1 von 2)

„Wie soll ich das Album kaufen, wenn du nicht einmal Interviews gibst?“

Autor: Walter Schilling

Foto: Lukas Richter

 

Ist 3Plusss ein Battlerapper? Ein Satirerapper? Oder vielleicht doch ein Emo-Rapper? Man könnte sich damit schwer tun, ihn in eine Schublade zu stecken oder auch ganz leicht, indem man ihn einfach in alle steckt. Als Künstler schafft er es sowohl über Gefühle zu sprechen als auch über sein riesiges Ego. Obendrein hat er auch ein sicheres Gespür für die Rapszene, das ihn so faszinierend macht. Das wird unter anderem in seinem Song Ich habe Hip-Hop nicht verstanden deutlich, in dem er zeigt, dass er Vieles verstanden hat, aber nicht jede Schwärmerei teilt. Ebenfalls kritisiert er in Alles was mich juckt unterschwellig den Interviewhype, der sich im Deutschrap breit gemacht hat. Deswegen geht es im ersten Teil unseres Skypeinterviews hauptsächlich um Videointerviews, Fanfragen, Klicks und den Großmeister der Interviews: Fler.

Lass uns mit einem deiner älteren Songs anfangen: Ich habe Hip-Hop nicht verstanden. Er ist jetzt über ein Jahr alt und richtet sich meines Erachtens nach auch gegen die Hip-Hop-Polizei.

Ja, er richtet sich tatsächlich auch an die Hip-Hop-Polizei. Als ich den Song geschrieben habe, ging es mir dabei aber nie um jemanden spezielles, sondern darum, dass ich viel zu jung bin, um Hip-Hop in seinen Grundgedanken verstehen zu können. Denn diese Idee ist schon sehr alt und kommt obendrein auch noch von einem anderen Kontinent. Man muss sich vielleicht von dieser „True School“ lösen und akzeptieren, dass es ihn so nicht mehr gibt. 

 

Hat sich dein Verständnis von Hip-Hop in der Zwischenzeit verbessert?

Ich kann nicht behaupten, dass sich mein Verständnis von Hip-Hop in der Zwischenzeit verbessert hat. Es gibt sogar viele Dinge aus dem aktuellen Zeitgeschehen, die ich nicht ganz kapiere. Nehmen wir zum Beispiel die Böhmermann-Debatte zu seinem Song POL1Z1STENS0HN. Ich kann es nicht nachvollziehen, warum er Hip-Hop damit beerdigt haben soll oder warum sich Falk Schacht über diesen Welt-Artikel so aufgeregt hat. Bei diesen ganzen Diskussionen stehe ich dazwischen und denke mir nur, dass ein Problem erst dann ein Problem ist, wenn man es zu einem macht. Mit jedem Kommentar und Artikel wird das Ganze nur größer, obwohl es ursprünglich gar kein Problem gab. Trotz alledem hege ich immer noch eine stille Begeisterung für Hip-Hop, obwohl ich eben nicht alles verstehe.

 

Du bist schon zu so etwas wie dem Szenekritiker geworden. In deinem Song Alles was mich juckt geht es darum, dass dich quasi nur Flerinterviews interessieren. Auf dem Album von Weekend habt ihr den gemeinsamen Song sicher nicht. Auch dort erweckst du den Eindruck, dass du viele Videointerviews anschaust. Siehst du sie dir alle an?

Eine Zeitlang habe ich mir tatsächlich alle Videointerviews angeschaut. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass sich das doch alle reinziehen. Diese Deutschrapinterviews genießen einen unfassbaren Hype. Viele Interviews haben mehr Klicks als die Songs von den Rappern. Gerade wenn es um Beef geht, werden Interviews über Beefgeschichten öfter angeschaut als die eigentlichen Disstracks. Dann gibt es noch diese Fanfragen, die auch wahnsinnig viele Klicks haben, wo danach gefragt wird, was der Rapper am liebsten isst. Fler ist dabei der Großmeister der Interviews. Er ist das beste Beispiel, wie Deutschrappolitik funktioniert. Gerade bei ihm geht es nicht nur um die Musik, sondern um Interviews, Internetstatements und so weiter Da passt es natürlich zu meiner Alles-Egal-Attitüde, zu behaupten, dass mich nichts interessiert außer Flerinterviews. Und eins muss man ihm auch wirklich lassen, er hat immer etwas zu erzählen. No Front, aber seine Interviews haben einen Charme von GZSZ. Mal hat er Streit mit Bushido, den er öffentlich in Interviews austrägt, um im nächsten Interview zu behaupten, dass sei alles halb so wild. Aber Fler ist ja nicht der Einzige, der das macht.

Feierst du es, dass manche Rapper so viel von ihrem Privatleben preisgeben?

Ich finde es schon ganz geil, dass Videointerviews einem Tagebuch gleichen, aber irgendwo auch bescheuert. Was ich daran so schade finde, ist, dass oft die Musik darunter leidet. Meistens sind die Alben nämlich nicht ganz so interessant wie deren Interviews. 

 

Was hast du dir öfter angeschaut beziehungsweise angehört: Interviews oder Songs von Fler?

Die Musik von Fler trifft nicht meinen persönlichen Geschmack, weswegen ich gar keine Alben von Fler höre. Ich finde seinen Charakter ganz nice, aber seine Musik war nie ganz meins. Obwohl ich mit Aggro Berlin aufgewachsen bin! 

 

Also kann man tatsächlich sagen, dass du dir mehr Interviews von ihm anschaust, als du seine Songs hörst.

Ich klicke jedes neue Video von ihm an! Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich nun um ein Interview oder einen Song handelt. Wenn er mehr Interviews als Singles rausbringt: Ja [lacht].

 

Wie siehst du die Entwicklung, dass ein Videointerview schon fast so wichtig wie die eigentliche Musik geworden ist?

[lacht]

 

Oder widersprichst du meiner These?

Ein Interview ohne Album ist auf jeden Fall mehr wert als ein Album ohne Interview! Aber damit meine ich nicht die Hip-Hop-Heads sondern die jüngere Fraktion zwischen 14 und 18 Jahren. Denen nehme ich es nichtmal übel, dass ihnen diese Interviews so wichtig sind. Das hat man bei Bushido ganz gut sehen können. Er hat keine Promophase für CCN III machen wollen und dann kamen schon die ersten Leute, die fragten, „Wie soll ich das Album kaufen, wenn du nicht einmal Interviews gibst und keinen Song auskoppelst?“ Die Kids kommen schon gar nicht mehr drauf klar, wenn es nur um die Platte geht. Die Hörer wollen umgarnt werden. 

Wie lange wird das noch so weitergehen, dass Interviews so wertvoll und wichtig sind?

Bis wir die Spitze erreicht haben! Wenn zum Beispiel ein Rapper in einem Interview ankündigt, Rapper XY aufs Maul zu hauen und es anschließend in die Tat umsetzt. Klar sagen die Rapmedien immer, dass Gewalt schlecht ist, aber trotzdem bieten sie eine Platform für solche Sprüche. Aber die meisten Interviews sind echt cool und ich schaue sie mir gerne an. Gleichzeitig gibt es dort auch viel Müll wie Fanfragen. „Wo isst du lieber: Mc Donalds oder Burger King?“ Wen interessiert das? Nur weil es irgendjemand in die Kommentare geschrieben hat, ließt der Journalist diese Frage tatsächlich vor? 

 

Ich glaube nicht, dass es bei Fanfragen um die Fragen geht, sondern, dass der Name des Fans laut vorgelesen wird. 

Aber das ist doch genau das Problem! Sind das jetzt Dienstleister? Man kündigt Fanfragen an, 10.000 Leute kommentieren das und alle 10.000 Kids schauen sich das Video an, um herauszufinden, ob ihre Frage gewählt worden ist? Jemand wie ich schaut sich das aber auch an und verschwändet eine Dreiviertelstunde, um mir lauter schlechte Fragen anzuhören? 


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