Interview mit Nynjoe

„[Hip-Hop] ist zu einer sehr kapitalistische Szene geworden, obwohl die ursprünglichen Werte Community, Respekt, Liebe und Kunst waren.“

Autor: Walter Schilling

 

Vor etwa sechs Jahren erlebte Nynjoe mit seiner Crew Rohdiamant, die aus ihm und Grantill bestand, einen kleinen Hype, indem sie von der hiesigen Rap- bzw. Musikszene als das nächste, mögliche große Ding gehandelt wurden. Obwohl es auch Kritik gab, waren sie in aller Munde. Zeitgleich war es auch der Moment, in dem sich Rohdiamant auflöste. Frei nach dem Motto: Wenns am schönsten ist, soll man gehen. Grantill hörte mit dem Rappen auf, doch Nynjoe konnte es nicht lassen. Im Dezember gab es nach sechs Jahre langer Schaffenspause das erste musikalische Lebenszeichen: Optimist. Anlässlich seiner Solo-EP skypten wir ein wenig und sprachen über seine Musik, die Antihaltung im Deutschrap und über seine ehemalige Crew.

Deine EP heißt Optimist. Was macht für dich einen guten Optimisten aus?

Diese Frage habe ich mir selbst häufig gestellt. Ist das ein naiver Mensch, der  stets davon ausgeht, dass es besser wird? Oder ist es jemand, der das Negative akzeptiert und trotzdem gut gelaunt durch das Leben geht? Für mich ist letzteres der wahre Optimist und so würde ich mich auch selbst beschreiben. Obwohl es viele Dinge gibt, die mich runterziehen, habe ich die meiste Zeit eine gute Laune. 

 

Du hast selber angekündigt, dass deine EP Albumlänge hat. Das hat sie tatsächlich. Wolltest du mit dieser Bezeichnung die Erwartungshaltung gegenüber deiner EP senken?

Nein, aber ich hatte keine Box. Heutzutage muss man ja irgendein Gimmick abliefern und eine EP auf Albumlänge zu veröffentlichen ist eben meins.  

 

Das ist quasi deine „EP-Box“ [lacht].

Die Extrasongs sind die T-Shirts, Slips und Posters. Das ist heutzutage ganz wichtig geworden. Aber die Bezeichnung ist mir gar nicht so wichtig. Manche Rapper veröffentlichen fünf Mixtapes und drei Streetalben, kommen plötzlich um die Ecke und sagen, dass sie nun ihr erstes Album veröffentlichen. Das ist für mich nicht immer nachvollziehbar. Es sind viele Kleinigkeiten, die mich dazu gebracht haben, Optimist als eine zwölf-Songs-EP zu bezeichnen. Am Ende des Tages veröffentliche ich es vollkommen independent, wo mir keiner sagen kann, wie ich meine Releases zu bezeichnen habe.

 

Stören dich diese ganzen Bezeichnungen? Mixtape, EP, Album, Streetalbum usw. Wobei Streetalben mittlerweile keiner mehr verkauft.

Nein, gar nicht. Ich finde nur diese Boxen ganz lustig oder auch die Premium-CD, die Deluxe Edition und so weiter. Da werden so viele verschiedene Produkte verkauft, nur um in den Charts aufzutauchen. Meiner Meinung nach ist schon viel zu viel Bullshit auf dem Markt. Manche Boxen finde ich ganz amüsant, wie die von Xatar, der Zahngold in seine Boxen eingefügt hat. Aber sonst? Jeder einigermaßen bekannte Rapper verschuldet sich um eine Box verkaufen zu können, die er am Ende vielleicht noch selbst gekauft hat.

 

Diese Boxen finde ich manchmal sehr abgefahren. Die können gut und gerne mal 60 Euro kosten, die wiederum hauptsächlich von Jugendlichen gekauft werden. Da geht dann das ganze Taschengeld für Boxen drauf?

Diese Boxen können auch von der eigentlich Musik ablenken, was mich sogar an die Boygroups erinnert. Wenn Metallica oder die Beatles eine Specialbox mit all ihren Alben verkaufen würden, könnte ich es noch verstehen. Aber das…?

 

Deine Ep ist sehr abwechslungsreich und deine Songs erzeugen alle eine andere Stimmung. Mit welcher Intention hast du dein Album produziert?

Da steckt kein bestimmter Gedanke dahinter. Das war auch zu Zeiten von Rohdiamant so, dass wir sehr abwechslungsreiche Alben produziert haben. Damals wurden wir dafür sehr kritisiert, aber ich persönlich mag die Alben nicht, die nur eine einzige Stimmung enthalten. Ein Album zu produzieren, in dem alle Beats ähnlich klingen, ist nicht mein Ziel. Ich glaube auch nicht, dass ich sowas kann. 

 

Dann hast du deine EP wahrscheinlich auch nicht innerhalb eines Monats produziert.

Eigentlich darf ich gar nicht sagen, wie lange ich dafür gebraucht habe [lacht]. Die EP ist bestimmt schon seit einem Dreivierteljahr fertig. Aber letztes Jahr bekam ich meinen Sohn, dazu kamen ein paar Probleme mit Leuten, die in diese EP involviert waren. Die Arbeit am Videoclip und am Cover haben Freunde übernommen, die ich natürlich nicht hetze, wenn sie das für wenig Geld machen. All diese Dinge haben dazu geführt, dass der älteste Song wohl drei Jahre alt ist.

Dann ist natürlich nachzuvollziehen, dass du ganz verschiedene Songs auf der EP hast. Wenn du zwei Jahre lang an den Tracks arbeitest, sind dort natürlich unterschiedliche Lieder zu hören.

Ja, aber so arbeite ich fast immer an meinen Alben. Wenn man es genau betrachtet, ist es mein Viertes. Die habe ich fast alle in einem Dreijahresrhythmus veröffentlicht.  

 

Im Song Kokain Prinzessin rappst du über eine drogensüchtige junge Dame. Dort geht es unter anderem um Modelagenturen, die Frauen ausnutzen. Gibst du dort Erfahrungen wieder oder ist der Song reine Fantasie?

Die Modelagenturen werden nur einmal gedroppt und sind danach kein Thema mehr. Es geht auch um DJ’s und Rapper, die Frauen ausnutzen. Die Geschichte, die ich in dem Song erzähle, ist fiktiv. Aber die einzelnen Dinge über die ich rappe, sind Tatsachen, die ich gesehen habe. Leute, die den falschen Verführungen erlegen sind und irgendwann nur noch drauf waren. Die Junkies hängen sich dann auch immer an die Dealer oder Menschen, die gerade Stoff haben. Drogen sind schließlich teuer. Ich habe letztendlich meine Erfahrungen in eine Geschichte gepackt. 

 

Im Song Somma an da Hall geht es ums Sprühen. Warst du selber Teil dieser Szene?

Ja, als ich noch sehr jung war, habe ich auch Züge besprüht. Aber irgendwann gab es zu viel Stress und Gerichtsverhandlungen, wodurch ich mich dazu entschieden habe, zu rappen und das Sprühen zu lassen. Schließlich ist das Rappen nicht so gefährlich [lacht]. Aber es war eine coole Zeit. Wir, die Jüngeren, haben den Älteren immer dabei zugesehen und zu ihnen aufgeschaut. Irgendwann wollten wir uns darin auch ausprobieren und sind in die Yards gegangen, zu den Endstationen. Mit dem Sprühen habe ich auch nie ganz aufgehört und im Sommer gehe ich gerne mit meinen Jungs an Wände, wo man auch legal sprühen darf. Ich bin nicht einmal sonderlich gut darin, aber ich mache es einfach gerne. Schon allein das Riechen der Farbe weckt in mir positive Gefühle. 

Du hast dich vor kurzem darüber aufgeregt, dass die heutigen Rapper nicht mehr genug Anti sind. Ist Deutschrap im Jahr 2015 für dich zu sehr angebiedert an die Masse oder ans Radio?

Ja, wobei ich nicht nur die negativen Aspekte sehe. Als ich angefangen habe zu rappen, war es nicht so omnipräsent wie es mittlerweile der Fall ist. Es war etwas Besonderes, wenn man rappen konnte. Aber ich finde es natürlich cool, dass die Kids schon mit 13 damit anfangen, Texte zu schreiben.  Das ist doch der eigentliche Grund dafür, warum es so viele gute Rapper gibt. Aber dadurch entsteht schon früh der Druck, um möglichst viele „Gefällt mir“-Klicks auf Facebook zu bekommen. Deswegen verlieren viele Rapper ihre Antihaltung und passen sich dem an, was gerade angesagt ist. Wenn sich zum Beispiel viele Kids für einen Rapper oder eine Gruppierung interessieren, wird er von etlichen anderen kopiert. Natürlich sind bei dieser Kopie eigene Nuancen enthalten, aber es bleibt eine Kopie, die oftmals auch noch sehr billig ist. Das hat nichts mehr mit dem zu tun, was mir am Rap wichtig ist.

 

Was ist dir denn am Rap wichtig?

Früher war es ein totales No-Go zu biten [Anm. d. Ver.: Mit „biten“ ist das Kopieren eines Styles, Textes oder Flows gemeint, während man vorgibt, dass es eine eigene Leistung sei]. Heutzutage stört es aber immer weniger Hörer, wenn Rapper ganze Songideen kopieren.

Wenn man z.B. den gefühlt hundertsten Rapper mit einem Wolf sieht.

Genau! So etwas findet heutzutage kaum einer mehr schlimm. Aber seine eigenen Ideen an den Start zu bringen, hat für mich Hip-Hop ausgezeichnet. Man musste seinen eigenen Kopf haben und versuchen, etwas eigenes zu kreieren. Das ist auf jeden Fall etwas abhanden gekommen und ich glaube, dass es daran liegt, dass viele junge Rapfans keinen kulturellen Background zur Szene haben. 

 

In den letzten Jahren ist zwar Rap in Deutschland gewachsen, aber nicht unbedingt die Hip-Hop-Szene. 

Aber das hat sich auch in den USA gedreht. Es ist zu einer sehr kapitalistische Szene geworden, obwohl die ursprünglichen Werte Community, Respekt, Liebe und Kunst waren. Das gibt es natürlich immer noch, steht aber nicht mehr so im Vordergrund wie früher. 

 

Lass uns wieder zu deiner Musik kommen. Was bedeutet „Haga una rila"? Es kommt aus dem Spanischen, oder?

Das bedeutet „Bau mal einen“. Im Song geht es noch weiter: „Pasa la rila“, was so viel bedeutet wie „weitergeben“. Vor zwei Jahren war ich zwei Monate in Peru, wo ich unter anderem das Amazonasgebiet besucht habe. Auf dieser Tour habe ich einen jungen Peruaner kennengelernt, der in die selbe Richtung musste wie ich und meine Jungs. Der Typ hatte zwar kein Gras, wollte aber immer rauchen und ist immer wieder zu uns gekommen mit „Haga una rila“. Ich fand das so geil, dass ich dem einen Song gewidmet habe. 

Früher bist du mit Grantill als Rohdiamant aufgetreten. Über eurer Album Schlechter als erwartet wurde in vielen Blogs und Medien berichtet. Der nächste große Schritt blieb euch und dir persönlich verwehrt. Bist du heute deprimiert über dein Dasein als Undergroundrapper?

Nein, Till wollte danach seine Karriere als Fotograf voranbringen und ist nach dem letzten Album umgezogen. Wir sind da einfach realistisch geblieben. Musik bringt kein Geld, außer du gehörst zu den ganz großen Rappern. Das ist der Grund, warum wir danach nichts mehr rausgebracht haben. Darüber bin ich auch gar nicht deprimiert, aber eine Zeit lang fand ich es tatsächlich schade, dass wir nichts nachgeliefert haben.

 

Autor: Walter Schilling

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