Interview mit Juse Ju (Teil 2 von 2)

„Der Zeitgeist ist eine Bitch, die du nicht einfach ficken kannst.“

Was Untergrund bedeutet, erklärte Juse Ju bereits im gleichnamigen Song auf seinem Album Angst und Amor. Doch in diesem Interview intensivieren wir das Thema Untergrund - abseits von Rhymes und Punchlines. Schließlich ist Juse Ju schon so etwas wie der Inbegriff von Untergrund: Er ist Vollzeit berufstätig und macht seine Musik nach Feierabend. Wenn er über sein Dasein als Untergrundrapper spricht, sind es Erfahrungen aus seinem Leben. Er steckt dabei so tief drin, dass er nicht einmal bei einem Label oder Verlag unter Vertrag steht. In unserem Gespräch klärten wir auch ein paar Missverständnisse über den Rapunderground auf. 

Wie viel Spaß hast du noch am Rappen, wenn du nach der Arbeit viele weitere Stunden mit Rap verbringst?

Die letzten drei Monate, ehe das Album rauskam, gar nicht mehr. Es gibt genau zwei Dinge, die ich am Rappen liebe. Zum einen den Track zu schreiben, zu entwickeln und zum anderen den fertigen Song zu besitzen. Dazwischen liegt viel Zeit, die man mit Promo, Mischen, Mastern, Aufnehmen, Artwork usw. verbringt. Das ist nur nervig und stressig. Das Gute wiegt dabei das Schlechte auf, wobei ich Phasen hatte, in denen ich mich fragte, warum ich das überhaupt mache. Wenn ich aufhören würde zu rappen, hätte ich mehr Geld und Freizeit. Aber ich ertrage es nicht, wenn meine Songideen nicht rauskommen. Ich bin an dem Punkt, wo ich sage, dass ich die Aufgaben, auf die ich keinen Bock habe, abgebe. Trotz meiner Antihaltung. 

 

Zum Beispiel?

Die ganze Promoarbeit, GEMA-Listen und diverse Verwaltungssachen, Rückfragen vom Presswerk etc.

 

Vielleicht wäre ein Label keine schlechte Idee für dich. 

Die Labels arbeiten aber schlechter als ich. Zumindest die Labels, die sich für mich interessieren. Die verfolgen auch nicht meine Strategie. Und die Labels, die besser als ich arbeiten, die Profis beschäftigen, schränken dich vielleicht künstlerisch ein.

 

Da kommen wir zur berühmten Frage: Geht man zu einem großen Label?

Ich glaube, da geht man schon lange nicht mehr hin. Die kommen auf die Künstler zu, wenn sie groß genug sind. Die nehmen sich diejenigen, die schon ohnehin eine enorme Fanbase haben und versuchen sie noch größer zu machen. Ich könnte dir keinen Rapper nennen, bei dem sie Aufbauhilfe geleistet haben. Man könnte vielleicht sagen, dass Four Music mit Marteria so etwas gemacht hätte. Auf der anderen Seite war er aber schon Kritikerliebling vor dem Vertrag bei Four Music und hatte eine ernstzunehmende Fanbase. Und Independentlabels würden niemals die gleiche Öffentlichkeitsarbeit leisten wie ich. Es ist schön, dass es sie gibt, um jüngeren Künstlern zu helfen. 

 

Was genau meinst du mit der Öffentlichkeitsarbeit?

Ich habe in allen Blogs und Hip-Hop-Medien stattgefunden. In der Juice habe ich zwei Seiten bekommen. Was hätten die denn anders gemacht? Außerdem fährt kein Label der Welt die Strategie, ein professionell produziertes Album wie Angst & Amor kostenlos ins Internet zu stellen. 

 

Dabei spekulierst du auf mehr „gefällt mir“-Klicks bei Facebook, da man zuerst auf „gefällt mir“ drücken muss, um dein Album downloaden zu können.

So wollte ich es ursprünglich machen, aber Facebook lässt das nicht mehr zu. Das Album kann sich jeder kostenlos runterladen.

 

Auf diese Weise hat sich damals z.B. Megaloh viele Follower ergattern können. Seine Auf ewig Mixtapes konnte man sich nur mit einem Like downloaden.

 

Aber mittlerweile geht das nicht mehr. Wenn man es heutzutage immer noch machen könnte, hätte ich es auch getan. Viele Facebooknutzer checken nicht, warum der Like so wichtig ist. Bei diesen Facebook-Downloads war man früher schnell als Narzisst verschrien. Letztendlich achten aber viele Journalisten und Veranstalter auf die Facebook-Likes. Dadurch kommen dann irgendwelche VBT-Rapper mit 20.000 Likes um die Ecke, wogegen ein normaler Rapper nicht ankämpfen kann. So viele Likes schafft man nicht, wenn man sie sich alle einzeln erkämpfen muss. Mit 20.000 Likes ist deine Gage aber höher und du wirst öfters gebucht. Leute fragen mich, wann ich endlich in ihrer Stadt spiele. Denen muss ich mit „nie“ antworten. Veranstalter schauen sich mein Facebookprofil an und denken, dass mich keiner in ihrer Stadt kennt. Schließlich habe ich nur knapp 5.800 Likes. Gleichzeitig habe ich aber deutlich mehr Downloads als Likes. Bei diversen Rappern ist es genau andersrum. Mit 40.000 Likes verkaufen die vielleicht nur 1.000 Alben. Wenn die Leute nicht checken, dass Facebook ein einziges Marketingtool ist, dann tut es mir leid. Wenn jemand denkt, dass es dort um Idealismus geht, haben sie es nicht verstanden. 

Kennst du Leute, für die Facebook etwas mit Idealismus zu tun hat?

Nein. Aber ich habe bei Fatoni, der die EP Die Zeit heilt alle Hypes für einen Facebooklike online gestellt hat, gelesen, dass sich Leute darüber aufgeregt haben. Deswegen habe ich in Facebook zum Download einen Text geschrieben, der sie zum Nachdenken anregt. Ich finde es doch auch doof, dass Likes in Facebook so wichtig geworden sind. Aber ich kann daran nichts ändern.

 

Verfolgst du die Battles bei Juliensblog?

Die können für mich alle nicht rappen!

 

Gleichzeitig haben die aber wahnsinnig viele Likes auf Facebook. GReeeN [Anm. d. Verf.: Youtube-Rapper] hat z.B. fast 100.000 Likes auf Facebook, obwohl er wahnsinnig schlechte Songs macht.

Da würde es mich interessieren, wie viel er tatsächlich verkauft. Aber vielleicht läuft es auch mit den Verkaufszahlen gut bei ihm. Spongebozz hat ja über 20.000 Boxen (!) allein in der ersten Woche verkauft. Das ist genau das, was ich mit dem dummen Mainstream meine. Ich möchte den GReeeN gar nicht haten, aber seine Musik gibt mir nichts. Man merkt, dass die Leute von Juliensblogbattle nicht aus der Hip-Hop-Szene kommen. GReeeN ist zum ersten Mal auf dem Battle erschienen und hat davor medial gar nicht existiert. Ich weiß nicht einmal, wo der herkommt.

 

Ich auch nicht. Gleichzeitig macht er eine Deutschlandtour als Headliner.

 

Und nimmt CR7Z als Vorgruppe mit. Normal muss das doch genau andersrum sein. CR7Z rappt doch zehnmal so gut wie er. Aber GReeeN hat nunmal so viele Fans. Seine Youtubevideos haben auch mehr Klicks als meine und wahrscheinlich kommen zu seinen Gigs auch mehr Leute. Das ist die Realität. Die beiden erfolgreichen Alben der letzten zehn Jahren in Deutschland waren Helene Fischers Farbenspiel und eins von Unheilig, dessen Name ich schon wieder vergessen habe. Wir müssen gar nicht darüber sprechen, was Massenerfolg hierzulande bedeutet. Helene Fischer spielt sogar Stadiontourneen. Es gibt keinen Rapper in Deutschland, der das kann. Nicht einmal Cro. Wir leben nicht in einem Land, in dem die Avantgarde der Musik etwas zu sagen hat. Kendrick Lamar produziert ein vollkommen innovatives Album und geht damit in den USA Platin. Das würde in Deutschland nie passieren. 

Gleichzeitig wird der Untergrund nicht einmal von den Hip-Hop-Medien gepusht. Nehmen wir die neue Juiceausgabe: Dort zieren Bushido und Shindy das Cover. Die nehmen nicht den Rapper, der das dopste Album produziert hat, denn dann wären Bushido und Shindy nicht auf dem Titelbild gewesen.

Für die beiden interessiert sich nunmal jeder. Selbst diejenigen, die deren Musik nicht mögen, interessieren sich für deren Interview. Natürlich muss auch die Juice ihre Auflagen verkaufen und das funktioniert mit den Beiden auf dem Cover besser als mit Fatoni. 

 

Und so wird der Untergrund immer Untergrund bleiben. Aber ist das nicht auch das Ziel des Untergrunds?

Nein, das ist ein Missverständnis. Untergrund bedeutet nur, dass du unbekannt bist und in einer Szene Musik machst. 

 

Aber man kann doch auch Musik produzieren, die einfacher zu konsumieren ist und auf einen größeren Bekanntheitsgrad schielen.

Die Musikindustrie denkt, dass es so funktioniert. Die Realität zeigt uns dabei aber etwas anderes. Man kann keinen Untergrundrapper zu einem Popstar formen, indem man ihm billige Songs gibt. Es gibt Künstler, die die Veranlagung dazu haben, massentauglich zu sein, andere eben nicht. Prinz Pi hat uns gezeigt, dass er diese Veranlagung hat. Man kann es aber nicht planen. Wenn ich Popsongs von Juse Ju veröffentlichen würde, bleibt von meiner eigentlichen Kunst nichts mehr übrig.

 

Und dadurch ist es doch bewusst Untergrund. 

 

Nein, nur dahingehend, dass ich nichts davon halte, mich bewusst anzubiedern. Das würde auch nichts bringen. Man kann nicht davon ausgehen, dass wenn ich Songs wie Prinz Pi schreibe, auch so erfolgreich sein werde wie er. Ich kann auch gar nicht so schreiben wie er und es würde mir auch innerlich wehtun [grinst]. Das was ich gut kann, ist das, was ich mache! 

Lass uns die Massiven Töne als Beispiel nehmen. Die bringen ihr Album Kopfnicker raus, das ein geiles Boombap-Album ist. Jahre danach kommen sie mit einem ganz anderen Sound um die Ecke und veröffentlichen Cruisen. Das war doch ganz klar eine Anbiederung.

Ich kann natürlich nicht für Schowi und Ju sprechen, aber die Massiven hatten schon immer eine prollige Seite. Auf Cruisen haben sie es nur stärker zum Vorschein gebracht. Bei mir wäre die poppige Seite meine Up-Tempo-Songs wie German Angst oder Vorurteile. Ja, das könnte man verstärken und schauen, ob es erfolgreicher wäre. Aber der Zeitgeist ist ein Lottospiel. Man kann nicht sagen, dass eine bestimmte Musik erfolgreich sein wird. Selbst bei den großen Majors - den selbsternannten Experten - die die gesamte Marktpower haben, floppen vier von fünf Künstler. Selbst wenn ich wollte, könnte man aus mir keinen Popact machen. Ich würde mich bei dem Versuch höchstens zum Horst machen. Ich will das ja auch gar nicht sondern das, was ich mache. Ich ertrage diese Menschen nicht, die denken, dass sie den Musikmarkt verstanden haben. Wo waren denn alle Experten, als Cro noch nicht bei Chimperator war? Sie haben ihn nicht gesehen. Blöd gelaufen, jetzt ist er bei einem Independentlabel. Und Chimperator selbst? Die konnten den Erfolg von Cro mit keinem anderen Rapper wiederholen. Der Zeitgeist ist eine Bitch, die du nicht einfach ficken kannst. Obwohl es eine widersprüchliche Aussage ist [grinst].

 

 

 

Autor: Walter Schilling

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