Interview mit Juse Ju (Teil 1 von 2)

„Ich bin ein hasserfüllter Mensch, der Rache sucht.“

 

Juse Jus Gesicht wäre im Azzlack-Duden wohl unter Weltenbummler zu finden, da er in Baden-Württemberg, Bayern, Tokio, Texas und Berlin lebte bzw. lebt. Wir fragten, wo der Globetrotter seine ersten Songs aufgenommen hat? Wie es zur Crew Massig Jiggs kam und ausgerechnet diesem Namen? Das sind alles Fragen, denen wir während des Interviews nachgegangen sind. Natürlich sprachen wir auch über Juse Jus aktuelles Album: German Angst. Juse, der schon vor Jahren auf Livebattles überzeugen konnte, battlet nun auf Albumlänge. Die Zielscheibe seiner neuesten LP: Der dumme Mainstream, BWL’er oder Rapper, die gerne über ihre Randomgirls sprechen. Während des Interviews gesteht er sich selbst ein: „Ich bin ein hasserfüllter Mensch, der Rache sucht.“ 

Du bist in deinem Leben oftmals umgezogen. Zwar bist du in Kirchheim bei Stuttgart geboren, wurdest aber in Tokio eingeschult. Als du elf Jahre alt warst, ging es wieder nach Kirchheim zurück. Mit 17 bist du dann nach El Paso in Texas gezogen.

Verfolgst du noch was in El Paso passiert? [Anm. d. Verf.: El Paso liegt an an der mexikanisch-us.-amerikanischen Grenze. Während El Paso zu den sichersten Städten der Welt gehört, ist die Nachbarstadt Juárez, die auf der mexikanischen Seite liegt, die wohl kriminellste und gefährlichste Stadt der Welt. Rein statistisch gibt es in Juárez täglich acht Morde].

Ich war 2001 in El Paso und in den letzten 15 Jahren verschärfte sich der dortige Drogenkrieg. Als ich in Texas gelebt habe, erfuhr ich von den Problemen aus Juárez zwar aus der Zeitung, es war aber noch nicht so schlimm, wie es heute der Fall ist. Die Drogen in El Paso waren halt sehr günstig, man bekam das Gram Marihuana für einen Dollar. Mit mehr hatte ich auch nicht am Hut, obwohl ich ein paar Leute kennengelernt haben, denen Koks sehr gefiel. Ich habe aber keine emotionale Bindung an El Paso. Ich verfolge zwar den Drogenkrieg in Juárez und El-Paso, weil ich die Städte kenne und das Thema spannend finde, aber die Beziehung zwischen mir und Tokio ist größer als die zur texanischen Grenzstadt. 

 

Von Texas ging es dann zurück ins Ländle, wo du mit Bonzi Stolle die Gruppe Massig Jiggs gegründet hast. 

Das war zwar nur eine Zwei-Mann-Band, aber eine Band [grinst]. 

 

Die aber auch nicht lange existierte.

Bonzi Stolle und ich waren eine der wenigen Rapper in Kirchheim. Wir hatten den gleichen Humor und außerdem habe ich zu der Zeit Beats produziert. Bonzi hat welche gebraucht und so kam es dazu, dass wir ein gemeinsames Album gemacht haben. Danach bin ich nach München gezogen, was auch der Grund dafür ist, dass es nach diesem einen Album Massig Jiggs nicht mehr gab. Es lag nicht daran, dass wir uns nicht mehr verstanden haben, sondern an der räumlichen Distanz. Irgendwann kam auch noch MARZ dazu, der mit Bonzi Stolle weiter gerappt hat.

Zu Beginn hatten Bonzi und ich noch keine Ahnung, wie wir unsere Band überhaupt nennen sollen. Als wir uns überlegten, was wir auf die Flyer schreiben, kam Sushi, Mitbegründer von Popbiz Enemy, auf die Idee, Massig Chicks auf die Flyer zu schreiben, mit der Annahme: „Es kommen mehr Leute, wenn wir auf die Flyer schreiben, dass viele Frauen erscheinen.“ So ist dann der Bandname entstanden. Es hat aber nicht wirklich Sinn gemacht, denn wir haben statt Chicks, Jiggs geschrieben. Wir waren halt noch jung.

 

Du bist in deinem Leben viel rumgekommen. Hast du denn überhaupt einen richtigen Heimatort? Fühlst du dich zuhause, wenn du in Stuttgart bist?

Es gibt einzelne Orte, zu denen ich eine Bindung habe wie zu Ota in Tokio und ein bisschen zu Kirchheim. Schließlich habe ich hier meine Zeit als Teenager verbracht, wobei ich keine Familie in dieser Stadt mehr habe. Wir kommen ursprünglich nichtmal aus Kirchheim und sind nur dort hingezogen, weil Kirchheim früher das Zentrum des Segelflugs war. Nur deswegen ist mein Opa damals umgezogen. Mittlerweile lebt meine Familie aber in München und natürlich habe ich eine Bindung zur bayrischen Landeshauptstadt, wo ich lange gelebt und studiert habe. Inzwischen wohne ich aber in Berlin und habe auch so etwas wie ein Heimatgefühl für die Stadt. Aber für Stuttgart gar nicht. Die Stadt ist mir zwar nicht fremd, aber ich könnte sie nicht als Heimatort bezeichnen. Den einen Heimatort habe ich im ursprünglichen Sinne nicht. Meine Heimat ist dort wo meine Kernfamilie ist. Meine Eltern und Geschwister.

Von München aus bist du ein zweites Mal nach Japan gezogen. In einem Interview hast du über diese Zeit gesagt, dass du auf den Spuren deiner Kindheit warst. Was hast du dort konkret gesucht und hast du es gefunden und bist du alleine nach Japan gereist?

Ja, ich kann schließlich Japanisch, deswegen war es für mich nicht so krass, alleine dort hinzufliegen. Anfangs habe ich in Tokio ein Praktikum gemacht und später gekellnert. Das Problem, das ich hatte, war, dass ich so verdammt pleite war. In meinem Praktikum habe ich gar nichts verdient und als Kellner nur wenig. Gleichzeitig ist Tokio die teuerste Stadt der Welt. Dadurch war es auch eine anstrengende Zeit, aber ich musste einfach nach Japan, um die Kindheitserinnerungen upzugraden. Durch meine Jugend hatte ich ein Idealbild von der Stadt und musste wissen, wie es heute in Tokio ist. Durch Fukushima hat sich Tokio erneut verändert, das ist aber erst zwei Monate nach meiner Abreise passiert. Wie es heute in Tokio ist, weiß ich nicht.

 

Jetzt wohnst du in Berlin und hast vor kurzem in einem Interview zugegeben, dass Geld verdammt wichtig in unserer Gesellschaft ist. Macht Geld glücklich?

Geld macht nicht glücklich. Aber andersrum wird ein Schuh daraus: Kein Geld macht unglücklich. Ich verdiene in meinem Job genug Geld, um damit leben zu können, aber dadurch werde ich nicht glücklich. Die Kohle ist eher ein Problem, das man lösen muss anstatt ein Lebensziel. In Künstlerkreisen wird damit nur sehr verlogen umgegangen und viele von ihnen behaupten, dass Geld egal sei. Das stimmt aber absolut nicht! 

Es gibt ein Sprichwort, indem viel Wahrheit steckt: Wenn sich zwei Banker treffen, reden sie über Kunst. Wenn sich zwei Künstler treffen, reden sie über Geld. 

Für eine Szene, die behauptet, dass Geld egal sei, sind viele Freundschaften aus finanziellen Gründen zerbrochen. Mein Ziel ist aber nicht, mit Rap den Lebensunterhalt zu verdienen, denn das verleitet Künstler zu verachtenswerten Handlungen. Das ist gar nicht böse gemeint und es gibt auch Künstler, die das gut gelöst haben, wie K.I.Z.. Die waren cool und sind es immer geblieben. Es gibt aber mehr Künstler, die irgendwann behinderte Musik veröffentlicht haben, um erfolgreich zu bleiben. Das mag ein Klischee sein, aber der Mainstream ist dumm. Ich arbeite selber in den Medien und verdiene am dummen Mainstream meinen Lebensunterhalt und kann wirklich sagen, dass viele von Rap keine Ahnung haben und feiern deshalb nur Scheiße. Spongebozz verkauft mehr Platten als jeder Rapper. Das ist doch lächerlich und nichts anderes als ein Armutszeugnis an den Mainstream. 

An dieser Stelle verrate ich meine Hauptmotivation, um Geld zu verdienen: Diejenigen, die mir sagten, dass ich als Künstler ein Leben in Armut verbringen werde. Genau denen kann ich heute den Mittelfinger zeigen. Wenn ich Menschen aus meiner Vergangenheit treffe, die BWL studierten und mir eine schlechte Zukunft prognostizierten, erzählen mir heutzutage von ihrem langweiligen Job. Gut, ich verdiene mein Geld im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, bin Rapper, habe einen wahnsinnig interessanten Job und verdiene dabei genauso viel Geld wie ihr! Wer hat jetzt Recht behalten? Ich bin ein hasserfüllter Mensch, der Rache sucht.

Ich möchte über dein Driple-Split-Video sprechen. Mit Untergrund bedeutet, Lalala und Scheitern als Chance hast du drei Songs in ein Video gepackt. Eine Rarität im deutschen Rap. 

Ich hatte drei Videoideen, die man auch im Clip sieht. Aber keine davon ließ sich drei Minuten lang tragen und so habe ich diese Ideen in ein Video verpackt. Ursprünglich wollte ich nur ein Video zu Untergrund bedeutet machen, aber Fatoni und DJ V. Raeter behaupteten, ich würde dort rappen wie Holundermann [Anm. d. Verf.: Holundermann ist ein Mitglied von Blumentopf]. Den beiden wollte ich mit diesem Split-Video zeigen, was für verschiedene Flows ich draufhabe. Mir ist es wichtig, dass jeder Song etwas ganz Eigenes hat. Heutzutage ist es zwar normal geworden, dass man auf jedem Song zum Album gleich flowt, aber mir gefallen diese LP’s nicht. Aber nichts gegen Holundermann. Ich mag ihn.

 

Der Song Scheitern als Chance ist ebenfalls Teil dieses Driple-Split-Videos. Du haust erst eine Behauptung raus, machst eine Pause und verneinst deine vorherige Aussage ironisch. Dabei rappst du auch mal Off-Beat, aber verlierst nie deinen Flow. Gleichzeitig hört sich das schon fast gefreestylt an, weil du es sehr lässig rappst.

Der Stil macht es einfach aus! Das ist der Humor von Fatoni und mir und so machen wir auch untereinander viele Witze. Die Vortragsweise, also aus dem Beat rauszugehen und dann wieder reinzukommen, ist auch ganz schön schwer. Ich muss dabei sehr auf meine Stimme achten und wie ich sie einsetze. Diesen Stil beherrscht kaum einer in Deutschland. Ich finde es einfach geiler, wenn man über die Punchlines nicht einfach drüber rennt. Man muss sie auch setzten können und Fatoni und ich reden darüber sehr viel. Wenn ich auf einem Song das falsche Timing habe, sagt es mir Fatoni auch. Wir zwei sind bei diesem Thema richtige Nerds. 

 

Hört ihr gegenseitig eure Songs an, ehe sie veröffentlicht werden? Hat Fatoni stets ein Auge über deine Veröffentlichungen?

Er ist vielleicht sauer, dass ich es jetzt sage, aber es ist eher umgekehrt der Fall. Ich habe mehr Songs von seinem Album gehört als er von meinem. Man darf sich das aber nicht so vorstellen, dass ich ihm sage, er solle den Song nochmal neu aufnehmen. Es geht dabei mehr um das Feedback und wir sind nicht die Abnahmestelle des jeweils anderen. Wir sprechen einfach über unsere Songs und machen es vielleicht beim nächsten Track etwas anders. 

 

Autor: Walter Schilling

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