Interview mit MARZ (Teil 2 von 2)

Das große Fußballinterview mit MARZ:  „Jeder muss für eine WM im eigenen Land bezahlen. […] Ob es nun legal oder illegal ist, spielt dabei keine Rolle.“ 

MARZ hat schon von Anfang an, seine Liebe zum Fußball gezeigt. Auf seinem Mixtape Hoes. Flows. Tomatoes. befindet sich der Song Samstag halb vier, auf dem es um Fußball als Kultur geht. In diesem Video spielt er einen Vereinsaktionär im Amateurfußball, der sich um alles kümmern muss. Von der Rasenpflege bis hin zur Kasse. Fußball ist für MARZ mehr eine Leidenschaft statt reines Entertainment. Oder wie er selbst sagt: „Einer der vier großen Lieben meines Lebens.“ Sein Song halb vier ist aber wegen einem ganz besonderem Grund so speziell: Er ist einzigartig. Er hat es geschafft, dass sich sowohl im Song als auch im Video alle Fußballfans angesprochen fühlen. Im persönlichen Gespräch blickt MARZ auf den prägendsten Fußballmoment seiner Kindheit zurück und wir trauern gemeinsam über eine WM in Katar.

Man konnte in der WM 2014 wieder einmal feststellen, dass Fußball und Hip-Hop immer mehr zusammenwachsen. Das Splash! Festival hat z.B. das Finale live gezeigt.

Das war ein schlimmes Erlebnis. Ich bin Fußballfan seitdem ich laufen kann. Mein Vater ist ebenfalls ein riesiger Fußballfan - insbesondere der deutschen Nationalmannschaft. 


Aber dein Vater ist im Gegensatz zu dir kein Stuttgart-, sonder ein Nürnbergfan.

Genau. Was er mir vermittelt hat, ist die Liebe für den Fußball. Das prägendste, frühkindliche Ereignis war die WM 1990. Mein Vater ließ mich das Finale mitansehen, das gleichzeitig mein erstes Fußballspiel war, das ich sehen durfte. Mein Vater hat beim Sieg geweint! Als Kind habe ich es nicht verstanden, doch heute kann ich es nachvollziehen. Es war schließlich eine sehr nervenaufreibende und spannende WM. Die Spiele gegen England und Holland waren nicht einfach und es kam zu Eskalationen wie z.B. die Spuckattacke von Rijkaard auf Völler. Ich habe die WM damals nicht verfolgt, bekomme aber eine Gänsehaut, wenn ich darüber spreche. Eine WM in Italien ist auch etwas ganz anderes als in Südafrika oder Katar. 


Warum war es so schlimm für dich, das WM-Finale auf dem Splash! zu sehen?

Du schaust dir dort ein WM-Finale mit Leuten an, die wegen Trailerpark oder so dort sind. Die sind nicht wegen Fußball auf dem Festival, muss es mit ihnen aber gemeinsam anschauen. Das hat für mich nicht den gleichen legendären Ansatz wie 1990. Vielleicht liegt es an der Nostalgie oder daran, dass Fußball heutzutage sehr plastisch wirkt. Bei der WM fängt es an, geht beim VfB weiter und hört bei Red Bull Leipzig noch lange nicht auf.


Gehören zu dieser Plastikwelt Rapper dazu, die in Gladbach ein Gladbachtrikot tragen und in Köln ein Trikot vom FC Köln?

Nein. Es gibt bestimmt Rapper, die Trikots tragen, obwohl sie nicht Fan dieser Vereine sind. Aber es ist doch alles in Ordnung, wenn sie ihre Stadt representen wollen. Ich finde andere Dinge ganz schlimm. Es gibt Rapper, die sich mit Ultras schmücken, obwohl sie keine drei Spieler ihrer Vereine aufzählen können. Mit Ultras auf der Straße zu tun zu haben, hat noch niemanden zu einem Ultra gemacht. Ein normaler Fußballfan lebt in einer ganz anderen Welt als der Ultra. Mit einem Fußballverein zu kokettieren ist eine Sache, das aber mit den Ultras zu machen, ist etwas ganz anderes. Nicht jeder Rapper ist Vega. Ich würde nie von mir behaupten, dass ich zu den Ultras des VfB’s gehöre. Die Leute haben dort einen ganz anderen Hustle. Die treffen sich nach der Arbeit, um stundenlang zu basteln. Ansonsten werden ihre Choreos nicht fertig. Dann haben die mal Stress mit Leuten aus dem Verein, der Stadt, dem Staat, der ebenfalls geregelt werden muss. Es geht denen natürlich auch um ihre Stadt und den Verein, aber für die Meisten ist das ihre Freiheit. Es geht darum, sich als Fan und vor allem als Mensch nicht einschränken zu lassen. Es ist eine Frage der Einstellung und nicht, ob man rechts oder links ist. Jetzt können wir schnell in eine politische Diskussion einsteigen, aber darum geht es im Fußball und im Fan sein nicht. Fußball ist keine Frage der politischen Gesinnung. Mittlerweile ist dieser Sport sehr kommerzialisiert worden, gerade in den ersten beiden Ligen und den großen Meisterschaften. Wir dürfen uns in Deutschland sehr glücklich darüber schätzen, dass wir dermaßen geile Kurven haben. Davon entfernen wir uns aber immer weiter, gerade wenn viel Kohle im Spiel ist. 


Auf deinem Song halb vier ist von Ultras auch nicht die Rede. Aber du kennst dich dort scheinbar gut aus.

Ich hab da eben meine Pappenheimer im Freundeskreis. In der Fan- oder Ultraszene schließt man gegnerische Fans fast immer aus. Gerade auf dem Song halb vier mache ich es ganz Bewusst nicht. Es sollte ein Rapsong für echte Fußballfans werden und über Fußball als Ganzes gehen. In dem Video halte ich eine blau-weiße Eckfahne. Als VfB-Fan war es mir gerade recht, nicht in Stuttgartfarben im Videoclip aufzutauchen. In dem Song geht es um die Kultur des Sports. Die Anstoßzeit ist der Moment, in dem es nur noch um Fußball geht.

In einem Interview hast du gesagt, dass du eine Saison wie 2013/2014 nicht wieder erleben möchtest. Seitdem ging es mit dem VfB nur noch bergab.

Stagnation is the cousin of death. Das ist genau das, was in Stuttgart passiert. Daran haben aber nicht unsere Spieler die alleinige Schuld. Unser Problem kommt von woanders her. Wenn ich daran denke, welche Spieler vom VfB als schlecht empfunden wurden und bei anderen Vereinen durchgestartet sind, frage ich mich, ob die richtigen Leute in der Führungsebene sind. Daran wird auch kein Trainer etwas ändern, der nur das Ende der Fahnenstange ist. Vielleicht sollte man schauen, wo die Fahne befestigt ist. Aber diese Struktur ist länger ineinander verwachsen als ich auf der Welt bin. 

Ich glaube auch, dass Niersbach nichts gegen die Korruption in der FIFA hätte tun können. Jeder muss für eine WM im eigenen Land bezahlen. Wenn Niersbach es nicht getan hätte, hätte sie in einem anderen Land stattgefunden und wir wissen doch alle, was wir von einer WM im eigenen Land hatten. Wenn ich etwas haben möchte, muss ich erst einmal dafür bezahlen. Ob es nun legal oder illegal ist, spielt dabei keine Rolle. 


Das Schlimme an der WM in Katar ist für mich nicht einmal, dass sie gekauft worden ist. Es verdirbt mir die Vorfreude, dass es in einem Land stattfindet, in der keine Fußballkultur herrscht.

Das wird auch nach der WM nicht passieren. Es wird gerne damit argumentiert, dass durch eine WM Entwicklungshilfe geleistet wird. Aber wir sind am Limit. Wir werden nicht noch mehr Menschen für Fußball begeistern können, außer wir entdecken auf einem fernen Planeten eine neue Zivilisation. Aber die spielen wahrscheinlich auch schon Fußball. Australien hat ebenfalls für die WM 2022 kandidiert. Die Australier wären bestimmt durchgedreht, wenn sie dort stattgefunden hätte. Ein Land, ein Kontinent, perfekt! Es wäre eine gigantische Stimmung gewesen. Bei Russland das Gleiche. Für diese WM hat sich auch England beworben, das ich für den besseren Austragungsort halte. Aber wir werden sehen wie sehr uns eine Weihnachts-WM mitreißen wird.


Autor: Walter Schilling

Foto: Fotonoid

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