Interview mit MARZ (Teil 1 von 2)

Im ersten Teil geht es um seine Musikhistorie, Sickless und sein kommendes Album I love 2 hate.

MARZ ist einen sehr geraden und kontinuierlichen Weg gegangen. Er tourte mit seiner Crew (Black n Proud) aus Jugendtagen durch Deutschland und spielte dabei viele kleine Gigs. Von Stuttgart bis in den Ruhrpott, einfach weil es ihm Spaß gemacht hat. Nach einer kleinen Pause ging es wieder weiter. Schon nach dem ersten Solomixtape wurden seine Zuschauerzahlen größer und wachsen seitdem kontinuierlich.

Im März 2016 erscheint sein langersehntes Album I love 2 hate. Richtig, das Album, das schon vor Jahren angekündigt wurde. Im Interview erklärt MARZ, dass das intensive Arbeiten einen Langspieler nur besser machen kann, weshalb sein Album diese Zeit gebraucht hat. Wir trafen uns in der Stuttgarter City, um über seine Musikhistorie zu sprechen.

Du hast mit der Crew Black n Proud angefangen zu rappen. Erzähl doch mal etwas aus deiner Anfangszeit. Mitglieder waren neben dir Bonzi Stolle und DJ Fingo Starr.

Dazu muss ich etwas ausholen. In meiner Heimatstadt gab es Räumlichkeiten, in denen man sich zum Musizieren treffen konnte. Dort gab es Equipment, um tagsüber z.B. Beats produzieren zu können, während dort abends Freestylesessions stattgefunden haben. Es war auch ein Treffpunkt für Maler und letztendlich die einzige Möglichkeit, um chillen zu können. Dort habe ich Stolle kennengelernt, der mit Juse Ju eine gemeinsame Band hatte. Die Jungs haben Klamaukrap gemacht, den man wiederum als Vorboten von dem ansehen kann, was die Orsons in ihrer Anfangszeit machten. 

Jedenfalls hatten Bonzi Stolle und Juse Ju ein gemeinsames Album produziert. Das war zu der Zeit noch etwas ganz Besonderes. Danach ist Juse Ju aber nach München gezogen und wenig später haben Stolle und ich Black n Proud gegründet. Wir waren Freunde, haben viel zusammen gechillt und Musik gemacht. Als gemeinsame Crew haben wir zwei Alben und zwei EP’s veröffentlicht, vor allem aber sehr viel live gespielt. Bei Stolle ist leider irgendwann der Hunger eingeschlafen. Als er später Lehrer geworden ist, haben wir einen klaren Cut gemacht und diverse Sachen aus dem Internet rausgenommen. Black n Proud sollte seinem Beamtenstatus nicht im Weg stehen. Ich habe das Rappen auch nicht mehr weiter verfolgt. In der gemeinsamen Black n Proud Zeit habe ich viel Spaß gehabt und war damit auch ganz zufrieden.


Du warst nach Black n Proud also an dem Punkt, an dem du es mit dem Rappen sein lassen wolltest?

Ja, so kann man das tatsächlich sagen. Obwohl ich Rap weiterhin verfolgt habe, gab es in den darauffolgenden zwei Jahren kein Verlangen danach, neue Sachen aufzunehmen.


Wie hast du deine Lust fürs Rappen wieder zurückgewonnen?

Ich bin dort hineingestolpert. Kova, mit dem ich schon während der Black n Proud Zeit zusammengearbeitet habe, schickte mir eines Tages ein paar Beats zu. Ich fand die sehr gut und habe sofort angefangen Texte zu schreiben. Es war nach langer Zeit ein richtiger Flash und daraufhin wollte ich mit ihm eine EP produzieren. Das Problem war, dass es niemanden interessiert hätte, wenn ich damals eine EP veröffentlicht hätte. Black n Proud war tot! Ich habe dann aber weiter an Tracks gearbeitet und so ist Neidesliste  und Mutterstadt auf schwäbisch entstanden. Ich habe Mutterstadt auf Soundcloud hochgeladen und bekam dafür überraschend viel Feedback zurück. Danach wollte ich es wissen! Wir haben zu Neidesliste ein Video gedreht, um zu schauen, ob sich dafür auch so viele Leute interessieren wie für Mutterstadt. Wenn ja, könnte ich ein Mixtape aufnehmen und womöglich würde sich danach doch noch jemand für die EP mit Kova und mir interessieren. Neidesliste haben sich dann tatsächlich viele reingezogen. Daraufhin kamen meine beiden Mixtapes Hoes. Flows. Tomatoes. und Hoes. Flows. Kollabos. Aus meiner EP ist in der Zwischenzeit ein Album geworden, das teilweise von einer Jazzband eingespielt worden ist.  

Wie kam in all dem Trubel der Kontakt zu Sickless zustande?

Ich habe Alex [Anm. d. Verf.: Sickless] über Partys in Stuttgart kennengelernt. Stolle von Black n Proud hat mich auf den Song Battle Cry von Alex aufmerksam gemacht, den ich sehr gefeiert habe. Noch bevor ich ihn kennengelernt habe, mochte ich seine Musik. Während der Produktion von Hoes. Flows. Tomatoes. biet mir Alex und ein ein Freund aus Berlin Hilfe für die Promotion an. Die Kontakte, die ich durch Black n Proud gemacht habe, waren alle eingeschlafen oder nicht mehr vorhanden. Durch den Presseverteiler und die Videos, die ich mit Adrian gedreht habe, gab es ein viel größeres Feedback, das durch die Bank weg positiv war. Anschließend war ich ein viertel Jahr lang im Krankenhaus und konnte das Mixtape nach der Veröffentlichung nicht mehr promoten. In dieser Zeit habe ich meinen alten Job gekündigt, um nicht mehr in Wechselschichten arbeiten zu müssen. Schicht don’t kill my Vibe. Ich wollte mir den Luxus leisten, weniger zu arbeiten, um dafür mehr Zeit für die Mucke zu haben. Das habe ich nach diesem Mixtape genutzt und da es schon einige Featureanfragen hab, Hoes. Flows. Kollabos. nachgeliefert.


Kam der Kontakt mit Sickless erst nach dem VBT zustande? Warum hast du dort nicht selber mitgemacht?

Das VBT war am Ausklingen als ich Alex kennengelernt habe. Ich finde, dass das Prinzip vom VBT keine gute Musikqualität fördert, sondern nur Stress erzeugt. Ich respektiere natürlich die Rapper, die die Strapazen gemeistert haben. Diejenigen, die Skills haben, können sich auch darüber hinwegsetzten, wie z.B. Weekend oder Lance Butters. Das ist bei der RBA auch passiert. Solche Dinge geschehen unabhängig vom Format. Wenn Künstler Qualität haben, brauchen sie kein Turnier, sondern einen Plan und ein paar Leute um sich herum. An dieser Stelle auch noch Props an Alex, dass er den Switch vom Battlerapper zum Songwriter so gut gemeistert hat.


Etwas, das die wenigsten Rapper aus dem Battlerapkosmos gemeistert haben.

Ich glaube, das liegt an den verschiedenen Prioritäten, die man als Battlerapper bzw. Songwriter hat. Aber ich kann das nur schwer nachvollziehen, weil ich dort nie tief dringesteckt habe. 


Ich sehe das so, dass es bei Livebattles z.B. nicht auf Arrangements ankommt. Das ist bei einem Album wiederum etwas ganz Wichtiges. Man überzeugt auf einem Battle mit anderen Dingen als auf einem Track.

Du hast schon einen wichtigen Punkt erwähnt: Livebattles. Das ist etwas ganz anderes als Internetbattles. Internetrapper sind auf der Bühne nicht geschult und können dort meist nicht überzeugen. Doch im Rap geht es darum, vor Leuten auftreten zu können bzw. ihnen etwas präsentieren zu können. Das Internet ermöglicht den Rappern alles zu faken. Damit meine ich nicht nur Images, sondern auch Rapskills. Im Studio kannst du alles so zusammenschustern, dass es passt. Auf der Bühne kann man das nicht. Dafür ist Kollegah das beste Beispiel, der auf seinem ersten Splashauftritt das Mikrofon nicht richtig halten konnte. Diese Liste könnte man ewig weiterführen. Mittlerweile hat Kollegah sein Liveproblem behoben, aber man merkt den Unterschied zwischen ihm und denjenigen, die schon früh viel live gespielt haben.


Dieses Jahr war ein ganz besonderes für dich. Du konntest Auftritte auf dem Hip Hop Open, Splash!, Hip-Hop Kemp und Spack verbuchen. 

Es war der beste Sommer bisher. Es war stressig, aber so habe ich es gewollt. Außerdem habe ich Bonzi Stolle noch immer im Hintergrund, der wie der Vater ist, der es selber nicht zum Fußballprofi geschafft hat und jetzt seinen Sohn drillt. So kann man unser Verhältnis auf eine übertriebene Art beschreiben. So ist auch der Song Lieber alleine auf das Mixtape Hoes. Flows. Kollabos. gekommen. Es war ursprünglich ein Black n Proud Song, der sich ewig auf meiner Festplatte befand. Wir haben den Song noch einmal überarbeitet und auf das Mixtape gepackt. 

Wie waren deine Auftritte dieses Jahr auf den großen Bühnen? Du hast zwar letztes Jahr das Hip-Hop Open eröffnet, jedoch hattest du derart viele, größere Gigs noch nie in so kurzer Zeit.

Der Stein kam mit dem Song Klasse von ´13 ins Rollen, den ich zusammen mit Sickless und Nasou aufgenommen habe. Dadurch wurde das Hip-Hop Open auf uns aufmerksam und haben uns für das HHO 2014 gebucht. Im Laufe des Jahres hatte ich einige Featuresongs angesammelt. Ich wusste erstmal gar nicht, was ich damit genau machen soll, bis mir die Idee von Hoes. Flows. Kollabos. kam. 2014 habe ich auch mit Alex einen Auftritt auf dem Splash! gehabt. Lakmann hat sich unsere komplette Show reingezogen und konnte manche Songs sogar mitrappen. Das hat mich so geflasht, dass ich ihn darauf angesprochen habe, einen gemeinsamen Song zu machen. Als er zugesagt hat, war dann der Entschluss gefallen: Ein Kollaboalbum wie es z.B. auch schon Olli Banjo mit Sparring getan hat. Mir war klar, dass ich dieses Mixtape drei Monate nach dem Splash! veröffentlichen könnte, um im nächsten Jahr viel live spielen zu können. Gemäß dem Fall, dass das Mixtape gut ankommt. Mein Plan ging auf und ich kann dir gar nicht sagen, wo Alex und ich dieses Jahr alles gespielt haben. Wir haben viel gespielt und es war geil!


Lass uns zu deinem Album I love 2 hate kommen, das ursprünglich als EP gedacht war. Du arbeitest jetzt schon eine längere Zeit daran, mittlerweile sogar mit einer Jazzband. 

Die ersten fünf Songs, die von I love 2 hate entstanden sind, müssten drei Jahre alt sein, teilweise vier. Während der Produktion von Tomatoes und Kollabos habe ich nebenher an I love 2 hate gearbeitet. Zwischendurch bin ich auch nach Berlin zu Kova gefahren, um dort weiterzuarbeiten. Ich wollte das Album nicht einfach irgendwann veröffentlichen, sondern dann, wenn es sich auch lohnt. In den letzten vier Jahren habe ich viel Erfahrung gewonnen, die dem Album wiederum nur gut getan hat. 

Bei einem Auftritt mit Alex im Jazzclub Bix habe ich die Jazzband Bixtie Boys kennengelernt, die uns dort musikalisch begleitet haben. Wir haben uns auf Anhieb super verstanden. Nach dem Auftritt kam mir die Idee, die Band in das Album miteinzubeziehen. Sie hatten dadrauf genauso viel Bock wie ich gehabt und wir haben viele gemeinsame Stunden im Studio verbracht. Die Bixtie Boys haben viele Sachen für das Album eingespielt und trotzdem kommen noch Samples vor. Es ist nun so verschwommen, dass man es nicht mehr raushören kann. Im März 2016 wird das Album veröffentlicht! 

Das erklärt, warum I love 2 hate so lange auf sich warten lässt.

Ich hätte es mir auch einfach machen können. Für ein Mixtape brauche ich deutlich weniger Zeit und müsste nicht so viel Energie reinstecken. Ich könnte mir auch etliche Beats zuschicken lassen und es als Album verkaufen. Das wäre aber für mich nicht rund gewesen. Ich möchte ein Meisterwerk abliefern! I love 2 hate soll mein Illmatic [Anm. d. Verf.: Debütalbum von Nas] werden und nun klingt es wie Ehlmatic. Bei meinen Releases muss man einen Unterschied zwischen Mixtape und Album hören können. Auch wen es den bei vielen anderen Rappern nicht gibt


Wie sieht es mit dem Ende deiner Hoes. Flows. Trilogie aus? Wird Hoes. Flows. Flamingos. noch vor I love 2 hate erscheinen?

Nein, ich werde Flamingos erst nach meinem Album veröffentlichen. Ich halte es wie Christopher Nolan, der Regisseur der neuen Batman-Trilogie. Ehe ich den finalen Film veröffentliche, kümmere ich mich noch um einen ganz anderen. Er hat Inception gedreht, bevor er an die Arbeit von The Dark Night Rises ging. 


Ich bin auf das Album sehr gespannt und finde es faszinierend, dass du noch immer daran arbeitest. Ich kann mich daran erinnern, dass rap.de schon 2013 von deinem Album gesprochen hat.

Das Album ist meine Vision. Darum geht es doch als Künstler und an genau solchen Dingen kann man erkennen, wie groß der Horizont der jeweiligen Personen ist. Man braucht ein Ziel und das Wissen, wie man Schritt für Schritt dort hinkommt. Vor Menschen, die genau das hinkriegen, habe ich den größten Respekt, statt Alben zu veröffentlichen, weil man jetzt Geld braucht. Ich habe Angst davor, dass ich irgendwann an dem Punkt bin, wo meine einzige Motivation für das Rappen Geld ist. Ich bin noch nie dort angelangt, dass Rap für mich Business ist. Ich bin noch in dem Hustle, dass ich neben der Musik arbeiten gehe. Ich rappe, weil ich Bock darauf habe, auf der Bühne zu performen und ich die Texte aus meinem Kopf bekommen will. Es macht mir Spaß, das ist der Grund, warum ich Musik mache!


Autor: Walter Schilling

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