1 Interview mit 2 Deutsch-Türken: Teil drei

„Was mir oft auffällt, ist dass viele Deutsche Angst davor haben, etwas falsches gegenüber uns Türken zu sagen.“

Der dritte Teil beendet die Interviewreihe mit den Deutsch-Türken Melih Torcuk und Burak Ötztürk. Lässt man die vorherigen beiden Teile Revue passieren, kann man schlussfolgern, dass die Akzeptanz von Türken bzw. Deutsch-Türken hierzulande steigt. Jede Generation hat es in Deutschland ein wenig besser und bekommt mehr Chancen als die vorherige. Vielleicht kommen wir in einhundert Jahren an den Punkt, an dem Deutsch-Türken genauso akzeptiert sind wie Deutsche selbst. Irgendwann wird kein lebender Mensch mehr wissen, wie es hier ohne Deutsch-Türken war und die deutliche Mehrheit unserer Bevölkerung wird sie als einen Teil unseres Landes anerkennen, zusammen mit dem Islam. Trotz anhaltenden Integrationsdebatten muss man feststellen: Viele Türken und Deutsch-Türken sind integriert! Scheinbar wollen aber manche Menschen, dass Türken ihre eigene Kultur aufgeben und durch die deutsche ersetzen, getarnt unter dem Deckmantel „Integration“. Im nächsten Teil spricht Burak unter anderem darüber, dass manche Türken die Diskrimierung als Ausrede benutzen.

Burak Ötztürk: Sein Vater ist Mitte der 1980er Jahren nach Deutschland gekommen, während seine Mutter 1990 nachgekommen ist. 1992 wurde Burak in Ludwigsburg, bei Stuttgart geboren. Zeit seines Lebens war er in Deutschland und kennt die Türkei nur von sechswöchigen Urlauben, die er aber jedes Jahr macht bzw. gemacht hat. Er ist in der Türkei nie zur Schule gegangen und hat dort auch nie gearbeitet. Heute studiert er an der Hochschule in Heilbronn.

Melih Torcuk: Sein Opa war der Erste aus der Familie, der nach Deutschland gekommen ist. 1981 kam Melihs Vater nach. Melih ist wie Burak 1992 und ebenfalls in Baden-Württemberg, Ludwigsburg geboren. Er hat in Deutschland den Kindergarten und die Schule besucht. Außerdem hat er hierzulande seine Ausbildung gemacht und arbeitet in der Automobilbranche. Wie Burak kennt er die Türkei nur aus dem Urlaub.

Burak: Manche Türken nutzen die Diskriminierung als Ausrede. Ich kenne Türken, die in ihrem Leben nichts erreicht haben, weil sie sich nie sonderlich um etwas bemüht haben. In ihren Augen lag es aber allein an ihrer Nationalität. Solche Geschichten kann ich mir nicht lange reinziehen. Melih hat ein Fachabitur und eine abgeschlossene Ausbildung und arbeitet seit mehr als sieben Jahren in seinem ehemaligen Ausbildungsbetrieb. Obwohl er Türke ist! Die Nationalität ist in Deutschland nicht der Grund für eine gescheiterte Existenz. 


Hattet ihr oder eure Familie in der Vergangenheit Probleme damit, eine Wohnung zu bekommen?


Melih: Nein, aber mein Vater vermietet eine Wohnung an ein deutsches Ehepaar. Er und ich besitzen zusammen ein Dreiparteienhaus, wovon eine Wohnung an das besagte Paar vermietet wird. Einmal bekamen die Mieter von ihren Freunden besuch und ich bekam ein Gespräch mit, in dem die Besucher es nicht fassen konnten, dass das Haus Türken gehören soll. Es kam immer wieder die gleiche Frage auf: „Ist der Vermieter tatsächlich ein Türke?“ Das zeigt doch ein bisschen die Vorstellung, die manch ein Deutscher von Türken hat. Das geht auch über die Türken hinaus. Ich kenne einen Libanesen, der in Deutschland seinen Bachelor gemacht hat, in Südafrika ein Auslandssemester und in Malaysia ein Praxissemester absolviert hat. Schon vor dem Bachelor hat er eine Ausbildung zum Bankkaufmann gemacht. Seinen Master hat er mit 1,1 in Los Angeles gemacht. Er hat in Deutschland keinen Job gefunden! Nur Absagen. Das kann schlicht und ergreifend nicht an seinen Leistungen liegen. Heute arbeitet er für eine ausländische Firma. 


Burak: Ich glaube, dass ich mit meinem Nachnamen „Ötztürk“ ganz schlechte Karten habe.


Melih: Für viele Menschen wirst du immer ein Türke bleiben, der in die Unterschicht gehört. Daran wird kein Doktortitel etwas ändern können. 


Deprimiert euch das?


Melih: Das sind Dinge, die auf der ganzen Welt stattfinden.


Burak: In Amerika kommt man mit einem spanischen Namen nicht weit oder in Italien mit einem afrikanischen. Diese Dinge finden überall statt. Viel wichtiger ist es, damit klarzukommen. Ich versuche stattdessen die guten Seiten unserer Kultur zu repräsentieren, um dem etwas entgegenzuwirken. 


Melih: Gleichzeitig sollte man sich von Vorurteilen lösen. Gerade Türkinnen mit Kopftuch sind dem immer wieder ausgesetzt. Nonnen kleiden sich ähnlich wie Muslimas und sind auch bedeckt. Warum ist eine Muslima, die ihren Glauben praktiziert, automatisch eine Unterdrückte? Integration hat doch nichts damit zu tun, ob jemand Schweinefleisch isst oder nicht.


Burak: Integration war eine zeitlang ein großes Thema in Deutschland. Was diese Leute aber wollen, ist nicht Integration, sondern As­si­mi­la­ti­on.


Kannst du den Begriff „Assimilation“ bitte näher erklären?


Burak: Damit ist gemeint, dass man seine eigene Kultur aufgeben soll und stattdessen so lebt, wie die Mehrheitsbevölkerung. Sprich: Wir Türken sollen Schweinefleisch essen, Alkohol trinken und zum Christentum konvertieren. Die meisten Gastarbeiter haben es auch so gemacht. Viele Italiener leben so wie Deutsche. Die Türken sind von der Assimilation am unberührtesten.

Italiener oder Griechen haben natürlich eine ganz eigene Kultur, sie ist aber nicht so weit weg von der deutschen. Allein schon wegen der Religion: Deutsche, Italiener und Griechen sind Christen.


Burak: Die Religion macht tatsächlich viel aus. Jedenfalls gehe ich davon aus, dass es viele Deutsche stört, dass wir unsere Kultur nicht aufgegeben haben. 

Um zum Hauptthema zurückzukehren: Ich glaube, wenn man sich ein bisschen clever und respektvoll verhält, deutlich weniger mit Diskriminierung konfrontiert wird. 


Melih: Wenn man respektvoll mit seinen Mitmenschen umgeht, lernt man automatisch die Vernünftigen kennen. Ich habe nach kurzen Gesprächen mit Deutschen immer wieder den gleichen Satz gehört: „Ihr Türken seid ja gar nicht so.“ Viele Deutsche kennen keine Türken, haben aber ein Bild von ihnen. Oder sie haben die falschen Türken kennengelernt.


Burak: Was mir oft auffällt, ist dass viele Deutsche Angst davor haben, etwas falsches gegenüber uns Türken zu sagen. Dieses Verhalten sorgt aber für Barrieren und das macht mich traurig. Ich möchte, dass sich die Menschen echt und authentisch verhalten, anstatt sich vor mir zu verstellen. Es ist bestimmt nicht böse gemeint, aber dadurch gehen sie mit mir anders um als mit einem Deutschen.


Melih: Es ist wirklich schade, dass man über das Thema Diskriminierung und Rassismus nicht schon in der Schule spricht. Ethik ist das perfekte Schulfach dafür. Während meiner gesamten Schullaufbahn, haben wir aber nie darüber gesprochen! Gerade Ethik kann das beste und schönste Schulfach sein. Dort kann jede Menge Output entstehen, aber oftmals sind dort schlecht ausgebildete bzw. vorbereitete Lehrer, die keine Lust haben 20 Migranten zu unterrichten.


Burak: Es gibt aber immer noch einen Bereich in Deutschland, in dem krass diskriminiert wird: Die Clubszene. In viele Nachtclubs kommst du als Türke nicht rein! Ich kann mich sehr gut an den heftigsten Fall erinnern. Einmal bin ich mit Freunden in Berlin gewesen und der Türsteher wollte uns erstmal nicht reinlassen mit der Begründung, dass der Club schon voll sei. Als ich ihm aber gesagt habe, dass ich extra aus Stuttgart hergekommen sei, ließ er sich dazu überreden mich, und meine Freunde reinzulassen. Drei von uns ließ er bereits rein, doch dann hat der Türsteher sie alle wieder zurückgerufen, nachdem er meinen türkischen Pass gesehen hat. „Tut mir leid, aber heute geht es wirklich nicht“. Mehr hat er nicht gesagt. Es ist unfassbar wie rassistisch manche Türsteher sind!



Interview geführt von

Walter Schilling

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