Interview mit Chefket

„Das ist struktureller Rassismus. Das bekommt man als Weißer aus der Mehrheitsgesellschaft nicht mit.“

Chefket bezeichnet sich selbst als den glücklichsten Rapper der Welt und hat diesem Thema einen ganzen Song gewidmet. In den letzten Jahren konnte er sich einen ausgezeichneten Ruf als Live MC erarbeiten, weil er seine Skills, die er auf Albumlänge zeigt, auch eins zu eins auf der Bühne umsetzten kann. Egal welche Flows oder Pattern: Chefket braucht tatsächlich keinen Backup-Rapper, um ein Konzert in voller Länge geben zu können. Das er auch noch singen kann, erscheint fast als Nebensache. All das kann er allein mit seiner Stimme! Über sein letztes Album Nachtmensch kann jeder seine eigene Meinung haben, seine Auftritte sind aber durch die Bank weg ausgezeichnet. Weltweit gibt es nicht viele Rapper, die bessere MC’s sind. Kurz vor seinem Auftritt in Stuttgart (Wizemann) sprachen wir intensiv über sein Album, Träume und diskutierten über das Thema Diskriminierung.  

Deine Behauptung, der glücklichste Rapper zu sein, bringt frischen Wind in den Deutschrap. Statt zu thematisieren, dass du mit den meisten Frauen geschlafen hast oder der Härteste bist, sagst du: „Ich bin der glücklichste Rapper“. Hand aufs Herz: Gehst du wirklich davon aus, dass du der Glücklichste bist und wie bist du darauf gekommen?

Ich habe gefunden, was ich liebe. Mittlerweile kann ich davon die Miete bezahlen und mit einem freien Kopf Musik machen. Es gibt noch viele kleine Dinge, die mich glücklich machen, und ich wüsste gar nicht, worüber ich mich beklagen sollte. Ich lebe auf kleinem Fuß und bin mit sehr wenig zufrieden. Schon bevor ich Nachtmensch veröffentlicht habe, bekam ich viel positives Feedback. Jetzt ist es aber noch krasser. Ich kann natürlich nicht in die Köpfe der anderen Rapper hineinsehen, aber ich habe es einfach mal ausgesprochen.


Max Herre sagte schon „Du wirst nie ein guter Rapper, wenn du Soul nicht liebst“. Du behauptest von dir sogar, du seist Rap und Soul. Warum ist Soul so wichtig für guten Rap?

Das habe ich mir gar nicht ausgesucht. Ich habe schon immer gerne gesungen und viele Menschen sagten mir immer, dass ich mich entscheiden müsse, zwischen dem Singen und dem Rappen. Das sehe ich aber gar nicht so, denn das wäre so, als ob man behaupten würde, dass einen Euro zu haben geiler ist als zwei Euro in der Tasche zu haben. Das ist das Gleiche wie bei meinem türkischen und deutschen Background. Aber ich will das Beste aus beiden Welten vereinen! Im Gesang steckt viel Seele drinn und damit meine ich nicht nur Soul sondern auch in Raptexten. 

Was macht dich zum besten Live MC des Landes? Auf deinem Song Glücklichster Rapper sind Stimmen zu hören, die das behaupten.

Das behaupten auch viele Leute. Ich habe nicht jeden live gesehen, aber wenn ich manchen Rappern zuschaue, merke ich, dass mehr Fame als Skills vorhanden sind. 


Du warst dieses Jahr auf dem Splash! Hast du dort den Auftritt von A$AP Rocky gesehen?

Nein, den konnte ich leider nicht sehen. Ich habe auf dem Splash! viele Interviews gegeben. 


Der Unterschied zu seinen Studio- und Liveskills war enorm. 

Ich habe ihn einmal in Berlin gesehen, woraufhin wir ihn Playback Rocky genannt haben. Es war echt krass, denn seine Show war mehr wie die eines Party Hoster. Als wäre irgendjemand auf der Bühne, der die Texte ein bisschen kann und ab und zu mitrappt. Ich weiß aber nicht, wie seine Show auf dem Splash! war.


Dort hat er ganze drei Backuprapper gehabt und musste nur noch wenig selbst rappen.

Es ist traurig, dass manche Rapper ihre Texte nicht so schreiben können, dass sie an bestimmt Stellen Luft holen können. Für mich ist das noch anders gewesen, denn früher hat man sich auf Bühnen bewiesen. Heute ist es wahrscheinlich so, dass manche Rapper zu schnell groß werden und vielleicht noch zu wenig Erfahrung haben. Aber wie gesagt, ich habe A$AP Rocky auf dem Splash! nicht gesehen.  


„Nichts zu tun mit der normalen Gesellschaft, die Geld macht, damit sie glücklich wird. Aber dann traurig ist, weil sie nie genug hat“ (Nachtmensch)

Was machst du, um dich von diesen kapitalistischen Gedanken „immer mehr haben zu wollen“ fern zu bleiben? 

Das beschreibt einen Moment. Wenn ich z.B. bis in die Nacht im Studio war und morgens auf dem Weg nach Hause den Leuten begegne, die auf dem Weg zur Arbeit sind. Früher wollte ich dort dazugehören, denn die hatten ein ganz anderes Leben. Die hatten Jobs und auch vom Materiellen abgesehen: Ich habe am Rande der Gesellschaft gelebt. Ich habe nur Musik gemacht. Aber im Grunde habe ich mich gegen dieses Leben schon viel früher entschieden, ich habe es nur nicht gemerkt. Wenn ich wirklich einen Job je gewollte hätte, hätte ich doch einen gesucht. Wenn mir Geld so wichtig wäre, hätte ich etwas studiert, womit man viel Kohle machen kann. Meine Entscheidung für die Musik war eher unbewusst. Heute kann ich meinen Tag planen, wie ich will. Ich kann schlafen, aufwachen, arbeiten und verreisen, wann ich will. Ich habe mit der normalen Gesellschaft an sich wenig zu tun, aber ich kann mich auch an die Zeit erinnern, als ich noch ein Arbeitnehmer war. Dazu muss ich sagen, dass ich ein sehr schlechter Arbeitnehmer war. Ich habe höchstens einen Monat bei einer Firma gearbeitet. Ich tue mich schwer damit „ja“ zu sagen, wenn ich wusste, dass es nicht stimmt. Aber jetzt ist es anders und ich bin mein eigener Chef.

Du sagst im Song Träume, dass deine Träume dich zu einem reichen Mann machen würden. Das ist aber letztendlich doch nur eine Fantasie. Es heißt noch lange nicht, dass sie wahr werden oder erfüllend sind, wenn sie Realität werden.

Es geht dabei mehr um Ziele. Wenn ich mir ein Ziel vorstelle, dann ist es natürlich erstmal nicht da. Gleichzeitig geht es auch um den inneren Erfolg und den inneren Wachstum. 


„Keiner wünscht dir einen guten Tag

Jeder wünscht sich einen guten Freund

Geh' raus und zeig' jetzt allen, wer du bist

Ein romantischer Egoist“ (Träume).

Was ist damit genau gemeint?

Ich habe gar keine Kontrolle darüber, wie jemand meine Texte versteht. Wenn es mir wichtig wäre, Fehlinterpretationen auszuschließen, würde ich die Dinge näher erläutern. Mir ist nicht wichtig, wie die Leute meine Texte interpretieren, sondern dass es in ihnen etwas auslöst. 


Demnach ist es bei dir eine bewusste Entscheidung gewesen, einen gewissen Interpretationsspielraum in den Texten zu lassen? 

Natürlich. Der Ich-Erzähler in meinen Songs ist meist auch sehr überspitzt. Das bin nicht immer eins zu eins ich. Das ist mehr ein Ideal, dem ich mich annähere, wenn ich weiter wachse. Es sind auch Erkenntnisse, die ich in meinen Texten festhalte. Wenn auch noch andere Menschen damit etwas anfangen können; Umso besser!

In einem Interview hast du angesprochen, dass Türken in Deutschland unter einer strukturellen Diskriminierung leiden. Was meinst du damit genau?

Vor allem in Baden-Württemberg. 


[Anm. d. Verf.: In den beiden vorherigen Fragen über seine Songs hat sich Chefket sehr diplomatisch verhalten. Am Thema der strukturellen Diskrimierung möchte ich aber dranbleiben und hake nun ein.]   

Was meinst du genau mit strukturell? Denn Türken können z.B. wie jeder andere hier arbeiten gehen.

Die Frage ist wirklich unverschämt! Dazu gibt es ganz viele Beispiele. Nehmen wir die Selektion ab der vierten Klasse. Schau dir mal an, wie viele Kinder mit türkischen Eltern auf dem Gymnasium sind und wie viele mit deutschen Eltern. Woran liegt das? Natürlich nicht nur am System, das mittlerweile sehr veraltet ist. Daneben gibt es noch viele Dinge, die ich persönlich miterlebt habe. Ich wurde zum Beispiel in eine Klasse gesteckt, in der keiner aus meiner Stadt kam. Alle, die aus meiner Stadt kamen, waren in der Parallelklasse. Ich konnte praktisch mit niemandem lernen oder abhängen. Damals habe ich das gar nicht realisiert. Diese Erkenntnis kam erst später, nachdem mir befreundete Lehrer erzählt haben, dass man sich im Normalfall darum bemüht, dass Schüler, die im gleichen Bezirk oder in der gleichen Stadt leben, in dieselbe Klasse kommen. Auch Behördengänge sind für Türken schwieriger. Wenn ich eine Wohnung mit einem türkischen Namen suche, bekomme ich davon viele Wohnungen nicht. Das ist struktureller Rassismus. Das bekommt man als Weißer aus der Mehrheitsgesellschaft nicht mit und kann es gar nicht nachempfinden. Privilegien die man hat, erkennt man manchmal nicht. 


Im Song „Wir“ rappst du: „Bin integriert, denn ich spreche besser türkisch als früher“. Inwiefern hast du durch die Integration Türkisch gelernt?

Da kann man nicht diese eine Zeile nehmen. Man muss den Song als Ganzes sehen. Eigentlich das komplette Album. Aus diesem goßen Kontext eine einzelne Zeile zu nehmen und nach ihr zu fragen geht nicht.


Interview geführt

von Walter Schilling

 

Foto: Screenshot via Youtube

Chefket, Rap & Soul

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