Interview mit Ruffiction

„Die [Fans] bieten uns aus Nettigkeit [Blech rauchen] an“

Ruffiction schocken mit ihren Songs nicht nur deine Mutter. Auch die BPJM empfand, dass ihre Songs „menschenverachtende Darstellungen“ enthalten. Das wiederum sorgte dafür, dass zwei Gratisdownload-Alben indiziert worden sind. Doch die Band Ruffiction, bestehend aus Arbok 48, Crack Claus und Crystal F, bleiben provokant und überspitzt. Auf ihrem neusten Album Frieden sind Zeilen wie „Ich zünde den Joint an mit dem Brief von BPJM“ oder „Ich stopfe mir zehn Kilo Crack in eine einzige Pipe rein“ zu finden. Doch was genau geht in den Köpfen dieser Jungs vor, die eigentlich ganz normalen Jobs nachgehen? Im Interview beantworteten sie uns die Frage, ob das alles nur Fassade sei und wie viel Realität in ihren Texten denn nun wirklich stecke. Ist etwas an den Gerüchten dran, dass sie nach Konzerten Heroin von ihren Fans angeboten bekommen? Wir trafen uns vor ihrem Auftritt in der Schräglage - Stuttgart.

Songzitat: „Ich fliege einen Jet in den Reichstag rein, denn als Arbeitsloser braucht man seinen Zeitvertreib“ oder „Du willst gerade Kippen holen, doch kommst nie zurück. Und wenn du doch zurückkommst, ja dann nicht in einem Stück“. 

In der Realität geht ihr aber ganz normalen Jobs nach. Sind eure Raps als eine Fassade zu verstehen?


Crack Claus: Teilweise Realität, teilweise Fassade. In unseren Songs spiegeln sich Dinge wider, die uns durch den Kopf gehen. Aber natürlich ist es überspitzt und krasser dargestellt. 


Inwiefern spiegeln eure Texte die Realität wider? Sind es eure Gewaltfantasien, die ihr in euren Songs auslebt?


Crack Claus: Das kennt wahrscheinlich jeder aus seiner Jugend, dass man durch gewisse Probleme Aggressionen entwickelt, die man wiederum nicht richtig rauslässt. Aber genau das kann man in Songs und Texten verarbeiten. 


So geht es euch allen?


Crystal F: Wir machen Musik und sind Künstler. Bis zu einem gewissen Grad sind wir Kunstpersonen, aber man kann den genauen Grad nie wirklich festmachen. Ob ich Persönliches mit einfließen lasse? Die Texte sind am Ende doch immer persönlich, weil ich Dinge, die ich sehe und erlebe, darin verarbeite. Wir haben immer wieder ganz persönliche Zeilen in unseren Songs. Aber ich glaube, dass es die Mischung macht. Wenn ich die Zeile mit dem Reichstag rappe, dann ist doch klar wie ich es meine. Man lässt dabei Aggressionen raus und nach dem Schreiben geht es mir auch wieder besser. Zumal ich für einen Pilotenschein sowieso zu schlechte Augen habe.

Drogen sind auf eurem Album ein ganz großes Thema.

Auf eurer letzten Tour soll euch ein Fan, der eure Texte zu wörtlich verstanden hat, gefragt haben, ob ihr mit ihm gemeinsam Blech rauchen möchtet. [Anm. d. Red.: Mit Blech rauchen ist eine Art des Heroinkonsums gemeint]


Crystal F: Das ist gar nicht auf unserer letzten Tour passiert, vielleicht da auch, aber ich weiß es gar nicht mehr genau, das ist schon länger her. 


Arbok 48: Das ist vielleicht schon in Dresden passiert, bei unserem dritten Konzert. Damals wurde uns auch schon angeboten Blech zu rauchen. 


War das ein ernsthaftes Angebot?


Crack Claus: Ja, natürlich. Im Osten geht das anders ab. Wer sich damit mal befasst hat, weiß es auch, denn aus Tschechien kommen viele Drogen in den Osten und dadurch sind die Leute dort auch mal anders drauf. 


Crystel F: Ich glaube aber nicht, dass diese Fans wegen uns angefangen haben, Blech zu rauchen. 


Crack Claus: Ach was. Solche Leute denken sich, dass wir mit ihnen bestimmt gerne ein Blech rauchen würden. Die bieten uns das aus Nettigkeit an. Wie freundliche Raucher jemandem eine Zigarette anbieten, bieten sie uns eben ein Blech an. 

War das ein Thema bei der Produktion von Frieden? Habt ihr manche Textzeilen rausgenommen oder verändert?


Crystal F: Nein. 

 

Crack Claus: Als wir jünger waren, hat einer etwas krasses geschrieben und der nächste wollte daraufhin etwas noch krasseres schreiben. Dadurch hat es sich immer hochgeschaukelt. Wenn man aber älter wird, denkt man ein bisschen darüber nach. Wir schreiben noch immer, was wir wollen, aber wir setzten da nicht mehr ständig einen drauf.

 

Crystal F: Das sehe ich gar nicht so. Ich bin auf Frieden in eine noch härtere Richtung gegangen als früher. 


Crack Claus: Grundsätzlich fand ich unsere älteren Texte härter.


Crystal F: Das war einfach thematisch anders!


Darüber scheint wohl Uneinigkeit zu herrschen.


Crystal F: Während dem Schreiben mache ich mir darüber keine Gedanken. Als das Album aber fertig war, dachte ich mir schon: „Wenn wir das dem Vertrieb vorspielen, wird der darüber bestimmt nicht glücklich sein“. 


Crack Claus: Ich fand unsere Texte auf Frieden nicht besonders krass.


Crystal F: Gerade Schlagwörter wie die zitierte Reichstags Line, da kann es auch mal Ärger geben. Als wir es aber dem Vertrieb vorgespielt haben - wir hätten es sowieso nicht mehr geändert - sind sie gar nicht auf die Sachen eingegangen, um die wir uns gesorgt haben. Stattdessen fanden sie „Ich ficke deine Tochter, bis sie einen epileptischen Anfall hat“ zu hart. Darüber habe ich mich total gewundert. Aber wir sind da vielleicht etwas abgestumpft. Wir rappen nunmal so wie wir rappen, zehn jahrelang. Das ist für Fremde ein Schock. Das merken wir vor allem, wenn wir unsere Songs anderen, die unsere Musik gar nicht kennen, vorspielen.

Songzitat: „Und dein Wolfsvideo mit der Casper Hook zieh’ ich mir nicht mal rein nach zwanzig Zügen Meth im Club“ oder „Jetzt wird Curse in den Mund gefickt“.

Es scheint so, als ob ihr die Rapper hierzulande gerne disst.


Crack Claus: Das wird Curse auch. Das ist nur real.


Crystal F: Der fickt sich selbst in den Mund. 

 

Arbok 48: Meine Aussage über Casper ist kein Diss. Ich höre Casper selber gerne. Viele Rapper haben nach XOXO seinen ganzen Style kopiert. Gerade was seine Hooks angeht. Casper hat diesen Style vielleicht gar nicht erfunden, aber so viele imitieren ihn. Gerade wenn ich den zwanzigsten Song über Wölfe höre. Genau das ist damit gemeint. Das Album ist nun vier Jahre alt und es kommen immer noch welche, die es kopieren. Rapper, die früher total hart waren, versuchen nun wie er zu sein. 

 

Crystal F: Zum Beispiel Chakuza.


Arbok 48: Genau, wie Chakuza. Damit sind Casperimitate gemeint, nicht Casper selber.


Crystal F: Bei mir ist es aber definitiv ein Curse Diss. Ich finde Curse richtig scheiße. Wobei Curse nicht ganz so schlimm ist wie Samy Deluxe oder Olli Banjo. Ich habe sie bloß vergessen auf Frieden zu beleidigen, obwohl ich mir das fest vorgenommen habe. Darüber habe ich mich sehr geärgert. Wobei ich den Olli Banjo Diss auf einem Featurepart nachgeholt habe.


Arbok 48: Curse kopiert doch auch den Casperstyle. Und überhaupt: Der hat ewig keine neuen Songs mehr gemacht und kommt genau dann zurück, wenn Hip-Hop wieder läuft. Obendrein mit der Art und Weise, die sich aktuell am besten verkauft. Das nehme ich ihm einfach nicht ab.


Crystal F: Was mich daran am meisten stört, ist dass er nach seiner „neuen“ Musik auf Feuerwassertour geht. Das ist doch total inkonsequent. Entweder geht er diesen neuen Weg richtig und lässt seine alte Musik hinter sich oder er lässt es ganz bleiben. Aber direkt nach seiner „neuen“ Musik auf Retrotour zu gehen? Für mich als Künstler wäre das ein No-Go. 


Crack Claus: Das ist der Unterschied zu uns. Wir sind unserem Style immer treu geblieben. Klar haben wir auch Fans, die unsere alten Sachen besser finden, aber da geht es mehr um die Erlebnisse, die sie mit den alten Songs verbinden, als dass wir uns nicht treu geblieben sind. 


Crystal F: Unser Grundkonzept ist immer gleich. 


In eurem Pressetext heißt es: In eurer Welt bedeutet Frieden mit dem Panzer alles plattzuwalzen, bis nichts mehr übrig bleibt. In einem Song heißt es: „Mit dem Panzer Richtung Frieden und sie kriegen, was ihnen zusteht. Gewalt und Schmerz“. 

Diese Definition von Frieden klingt zwar paradox, ist aber politische Realität. Es wird oft versucht, Frieden durch Krieg herzustellen. Die USA versucht es auf diese Weise [z.B. mit der Taliban].


Crystal F: Sobald es auch nur zwei Menschen gibt, wird es keinen Frieden mehr geben. Menschen sind einfach von Grund auf scheiße. Wenn schon zwei Menschen aufeinander treffen entsteht Neid oder Missgunst. Den einzigen Frieden, den es geben kann, ist der, wenn es die Menschheit nicht mehr gibt. Es gibt keine friedlicheren Orte als die, wo es keine Menschen gibt. Taucht dort aber doch ein Mensch auf, stört er nur den Frieden. Den Pressetext habe ich selber geschrieben und der ist tatsächlich eine Anspielung auf „Friedenstruppen“ und dieses paradoxe Denken. 

Man wächst als Kind mit dem Gedanken auf, dass es das Gute und das Böse gibt. Die guten Soldaten besiegen die Bösen und die Guten haben gewonnen. Im Enddefekt sind aber Menschen gestorben und da gibt es keinen Unterschied, ob man nun der Gute ist oder nicht. Letztendlich ist Gut und Böse eine Ansichtssache. Für die Bösen - aus unserer Sicht - sind die Guten die Bösen. Sobald es Menschen gibt, kann kein Frieden entstehen. Menschen sind scheiße.

 

Crack Claus: Ich glaube, das Thema ist aber zu groß, um es in einem kurzen Interview zu besprechen.

Der Song Tiere, in dem es darum geht, dass wir Menschen auch nur Tiere seien, lässt ungewöhnlich tief in euch blicken, weil die Texte nicht überspitzt sind. Es geht um ehrliche Gesellschaftskritik. 


[Anm. d. Verf.: Chazer One von Zero/Zero betritt genau in diesem Moment den Raum und beteiligt sich an dem Interview, weil er nach Angaben von Crystal F das Thema vorgegeben hat. Die Gruppe Zero/Zero war an diesem Abend Vorgruppe von Ruffiction.]


Chazer One: Ich wollte die Plattform von Ruffiction nutzen, um einen tiefen Song zu machen. Ruffiction macht schließlich auch Andeutungen in diese Richtung und mit diesem Song konnte man auch etwas Ernsteres veröffentlichen. 


Crack Claus: Was sich aber trotzdem asozial anhört. 


Crystal F: Als wir den Song geschrieben haben, war die Pegida-Bewegung ganz aktuell und überall in den Medien. Das hat mich zu meinem Part inspiriert. Für mich waren diese ganzen Parolen und deren Verhalten total abschreckend. Jeder von uns drei hat in seinem Part etwas angesprochen, was mit einem selber zu tun hat. Während Arbok einen Part über Volksbeeinflussung geschrieben hat, geht es im Text von Claus über Drogen. Tschi-Ko kritisiert in dem Song die Medien.

Songzitat: „Was ist das bloß für ein Land, wo Drogenkonsum unter Strafe steht….Ihr schmeißt Millionen zu dem Fenster raus für Strafverfolgung“.

Befürwortet ihr eine Drogenpolitik, wie sie z.B. Tschechien führt?


Crack Claus: Die bürokratischen Kosten bei Verfahren von kleinsten Mengen  sind doch schon enorm. Das Geld könnte sich der Staat doch sparen. Am Ende ist jeder Erwachsene doch für sich selbst verantwortlich. Die Tatsache, dass Alkohol legal ist - eine Droge wegen der Menschen sterben - Canabis aber nicht, macht doch gar keinen Sinn. Man könnte sich auf etwas sinnvolleres konzentrieren, statt Kiffer zu jagen. 


Arbok 48: Es ist doch auch irre, dass eine Pflanze, die die Natur erschaffen hat, verboten wird. Dazu hat kein Mensch das Recht!


Crack Claus: Ich kann es nur nochmal sagen: Das Geld könnte viel sinnvoller eingesetzt werden. Bei einer Entkriminalisierung könnte der Staat den Verkauf versteuern lassen und ihn gleichzeitig kontrollieren. Davon würden alle Beteiligten profitieren.


Songzitat: „Generationen-Konsum, uns macht das Geld zu Sklaven“, oder „Ihr definiert euch über den Scheiß, den ihr kauft“.

Konsumkritik wird aktuell immer lauter. Was ist an Konsum denn so verwerflich?


Crack Claus: Das ist das, was Arbok 48 im Song Tiere erwähnt hat: Du willst vielleicht gar nichts kaufen, aber dein Unterbewusstsein wird mit der ganzen Werbung manipuliert. Da ist es egal, ob du im Fernsehen oder bei Facebook damit konfrontiert wirst. Werbung ist überall. Diese gezielte Manipulation finde ich so verwerflich. 


Crystal F: Den Konsum an sich finde ich dabei nicht mal so schlimm. Es ist doch vollkommen in Ordnung, wenn man sich schöne Sachen kauft. Aber Medien wie Instagram, die komplett auf Selbstdarstellung basieren, sorgen dafür, dass man sich in dieser Parallelwelt verliert. Es gibt die Leute, die in der digitalen Welt gut funktionieren, dort ihren Fame bekommen und sich darüber definieren. 


Crack Claus: Nimm denen doch mal das Internet weg. Wenn die keine Rückmeldung mehr von außen bekommen, werden sie total frustriert sein. Am Boden zerstört! Das finde ich gefährlich, denn das braucht der normale Mensch nicht. Eigentlich bekommt man diese Aufmerksamkeit von der Familie und dem Freundeskreis. Die „Internetstars“ bekommen sie dagegen von völlig fremden Personen. 


Crystal F: Es ist vollkommen in Ordnung sich neue Klamotten zu kaufen oder im Internet aktiv zu sein. Aber darüber sollte man sich nicht definieren. Anstand und Hilfsbereitschaft sind wichtiger als ein gutes Bild zu posten!


Interview geführt von

Walter Schilling


Fotos: Martin Tamba

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