Interview mit Superior

„Es gibt in Deutschland nur wenige Rapper, die souligen Boombap feiern“

Superior ist ein Produzent aus Heilbronn, der durch seinen Neo-Boombap-Soul bekannt geworden ist. Obwohl er in Deutschland lebt und aufgewachsen ist, genießt er in den USA eine größere Hörerzahl als in Deutschland. Im August ist seine Vinyl Scenes erschienen, die ein reines Produzentenalbum darstellt. Es gibt nur einen einzigen Rapsong - eingerappt von Declaime - auf allen anderen Tracks spricht der Beat für sich. Superior war ein Hip-Hop Fan der ersten Stunde. Als die Hip-Hop Welle nach Deutschland überschwappte, riss sie auch den Heilbronner Produzenten mit. Er durchlief alle Elemente des Hip-Hops und blieb am Ende am Produzieren kleben. BB21 traf sich mit Superior zum Abendessen.

In deiner Künstlerbiografie ist zu lesen, dass du Teil der frühen Breakdancebewegung in Deutschland warst. Wie kam es, dass du angefangen hast, Beats zu produziert? Schließlich ist nicht jeder Breaker Produzent geworden.

Breakdance war das erste Hip-Hop Element, womit man sich in Deutschland befasst und auch ausgeübt worden ist. DJ’s, Writer und Rapper kamen erst später. Ich war einfach Hip-Hop verrückt und habe alle Elemente durchgemacht. Ich habe mit Breakdance angefangen und bin dann zu Graffiti übergegangen. Danach fing ich irgendwann an zu DJ-ing und anschließend zu rappen. Erst am Ende habe ich angefangen, Songs zu produzieren und habe früh gespürt, dass es das ist, was mir liegt. Aber das kommt auch nicht von ungefähr, denn ich konnte vor dem Produzieren schon Gitarre spielen und bekam dadurch ein Gehör für Melodien. Beim Produzieren bin ich dann geblieben und das war auch gut so. Wobei mir das Popping, ein Breakdance Stil, auch sehr viel Spaß bereitet hat. Ich war auch einmal deutscher Vizemeister im DJ-ing. 

 

Im welchem Jahr war das?

Das war Anfang der 1990er, vielleicht 1994. Aber das Produzieren liegt mir am meisten. 

 

Wenn du von deiner Graffitizeit sprichst: Hast du dann illegal Wände gebombt?

Ja, auch Züge. Damals waren wir noch sehr jung. Das habe ich so lange gemacht, bis ich einen auf den Deckel bekommen habe.

 

Bis dich die Bullen einmal geschnappt haben?

Ja, ich stand deswegen auch schon einmal vor Gericht. Aber danach ließ ich es sein. Die Strafe war zwar nicht der Hauptgrund, um mit dem Sprühen aufzuhören, aber es war in meinem Hinterkopf. Die Musik gab mir aber letztendlich mehr als das Sprühen. 

 

 

Verfolgst du noch die Breakdanceszene oder hast du das Interesse daran mittlerweile verloren?

Ich verfolge es zwar nicht mehr so intensiv wie früher, aber immer noch. Ich habe auch mal bei einer Europameisterschaft im Popping, quasi Breakdance im Stehen, mitgeholfen. Dort haben wir mit Leuten wie Pop N Taco, Popin Pete oder Mr. Animation, die zu den Größten ihrer Disziplin gehören, gearbeitet. Ich habe auch schon Pop N Taco, der einer der Privattanzlehrer von Michael Jackson war, daheim besucht. Die Roboterbewegungen, die Michael Jackson draufhatte, hat er alle von Pop N Taco gelernt. Er war 18 Jahre lang sein Tanzlehrer. Ich habe Pop N Taco einst in Long Beach - Los Angeles besucht. Später hat er mich auch hier in Heilbronn besucht. 

 

Du warst bei ihm in seiner Wohnung und hast dort übernachtet?

Ja, in seiner Wohnung mit einem meiner Kumpels. Pop N Taco war auch in der Jury der Europameisterschaft, die wir organisiert haben. Ich war eine zeitlang mit den Größen des Poppings unterwegs, aber heute bin ich nicht mehr ganz auf dem Laufenden, was Breakdance und Popping speziell angeht. Aber ich schaue trotzdem noch ab und zu rein, um zu gucken, was dort noch abgeht. 

 

Im August ist deine LP Scenes als Vinyl rausgekommen. Es ist ein sehr traditionelles Beatalbum geworden. Basiert es komplett auf Samples?

Das sind alles Soulsamples. Ich nutze dafür verschiedene Techniken, um die Samples zu schneiden und einzusetzen. Ich höre selber gerne Soul und habe das auf meinem Album mit einfließen lassen. Ich liebe es, Soul und Hip-Hop zu verbinden. 

 

 

Du hast mit Scenes ein richtiges Boombap Album produziert.

Ja, es ist aber keine eins zu eins Kopie der 1990er Jahre. 

 

Allein weil dein Album 2015 rauskommt, ist es kein 1990er Jahre Album.

Aber auch mein Stil ist ein anderer als bei den alten Produzenten. Es ist der heutigen Zeit angepasst. Scenes ist zwar angelehnt an die 1990er Jahre, hat aber nicht den gleichen Style wie die alten Hip-Hop Songs. Declaime ist auch auf meinem Album vertreten, der sehr smooth und cool rappt. Es ist schon halb gesungen und hat dadurch perfekt auf das Album gepasst. Declaime war auf einem der Hip-Hop Labels überhaupt: Stones Throw Records!

 

Das Label, das auch J Dilla oder Madlib (aka Quarsimoto, Inspirationsfigur für Marsimoto) beherbergt hat. 

Genau, ein krasses independent Label!

 

Wo genau suchst du nach deinen Samples?

Ausschließlich im Plattenladen. Ich besitze selber eine große Plattensammlung und bin noch immer auf der Suche nach Neuem. Durch das Plattensampling ist Vinyl Crackling auf den Songs zu hören. Das ist ein einzigartiger Charackter, den ich viel lieber habe als komplett „saubere“, cleane Songs. Ich steh darauf, wenn Songs raw sind. 

 

Platten haben auch einen wärmeren Sound, nicht so steril. 

Genau, deswegen sample ich nur Platten.

 

Sowohl auf deinem Album als auch auf Soundcloud werden deine Beats nur von Amis berappt. Warum?

Es ist eine bewusste Entscheidung. Ich höre nur amerikanischen Rap und kenne mich in der dortigen Szene auch gut aus. Die Jungs aus den USA, mit denen ich zusammenarbeite, fahren den gleichen Film wie ich. Es gibt in Deutschland nur wenige Rapper, die souligen Boombap feiern. Ich finde auch, dass sich englische Vocalsamples mit deutschem Rap beissen. Englisch und Deutsch auf einem Track? Das hört sich doch ein bisschen komisch an. Den einzigen deutschen MC mit dem ich mir trotzdem vorstellen kann zu arbeiten, ist Eloquent von Sichtexot. Die meisten anderen Rapper hierzulande sind mit ihrer Musik weit weg vom Soul Boombap. 

 

Du warst vor kurzem bei einem DJ Premier Auftritt anwesend. Feierst du ihn?

DJ Premier ist einer der krassesten. Er hat so viele Hip-Hop Hymnen produziert wie kaum ein anderer. Klar gibt es auch viele andere gute Produzenten wie J Dilla. Vielleicht sind auch auf Donuts [Anm. d. Verf.: Album von J Dilla] die künstlerisch wertvolleren Produktionen. Aber stell die Songs von J Dilla oder Pete Rock auf die eine Seite und die von DJ Premier auf die andere. Premier überschüttet alle anderen Produzenten mit Hymnen. Mag sein, dass Premier manchmal etwas einfacher produziert im Vergleich zu seinen Kollegen, aber trotzdem mega dope ist.

 

Du warst dieses Jahr auf dem vielleicht vorletzten Tapefabrik Festival. War die Stimmung schon so, dass man den Bankrott gespürt hat [Anm. d. Verf.: Das Tapefabrik Festival hat nach der besagten Party Insolvenz angemeldet]?

Nein, überhaupt nicht. Ich war auf dem Tapefabrik Festival in Wiesbaden und auch in Berlin. In Wiesbaden war richtig was los! Sowohl auf dem Mainfloor, als auch auf der Nebenbühne. In Berlin dagegen war deutlich weniger los. Ich meine, es kamen Besucher, nicht dass in Berlin keiner auf dem Tapefabrik Festival gewesen ist. Aber im Vergleich zu Wiesbaden war es ein deutlicher Unterschied. Vielleicht lag es auch einfach daran, dass es in Berlin wahnsinnig viele HopHop Veranstaltungen gibt, mit denen die Tapefabrik konkurriert.

 

 

Interview geführt von

Walter Schilling

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