Interview mit Der Plot

„Aber natürlich regt das einen 90er Jahre Hip-Hop Nazi auf“

BB21 führte mit dem Plot ein Skypeinterview über die Entwicklung des Hip-Hops, Comics und warum ihr neues Album Interrobang heißt. Beim Plot muss man aufpassen, achtsam zuhören und zwischen den Zeilen lesen. Die vier Jungs aus Düsseldorf haben ein gesellschaftskritisches Album produziert, das sich aber selbst als Teil des Problems sieht. Statt allen anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben, rappt Elmäx auf dem Song Problem: „Ich weiß, ich bin das Problem, ich bin immer das Problem“. 

Der Plot ist keine typische Hip-Hop Band: Mit Elmäx, Elias und Dom haben sie ganze drei Produzenten. Zusätzlich sind Conny und Elmäx für den Rap zuständig, wobei Letzterer auch für den Gesang sorgt. 

Zum Interview erschienen Conny, Elmäx und Elias.

Euer Album heißt Interrobang, für was steht das?

Conny: Das Interrobang ist das Satzzeichen, das auf unserem Cover zu sehen ist: Ein Fragezeichen und ein Ausrufezeichen in einem. Es ist eine Erfindung aus der Werbebranche, die sich aber nie durchsetzten konnte. Das gibt es zwar in der Theorie, wird aber praktisch nie eingesetzt. Der ausschlaggebende Punkt unser Album so zu nennen, war die Tatsache, dass wir bei der Albumproduktion viele Antworten bekamen, sich aber gleichzeitig viele neue Fragen ergaben. 

 


Um welche Fragen und Antworten geht es dabei?

Conny: Das Ausrufezeichen steht unter anderem für unsere Produktion. Auf dem letzten Album Concorde, hatten wir noch externe Produzenten wie Croup, Nils Freiheit vom Projekt Gummizelle oder Robafella. Die Frage, ob wir das in Zukunft so beibehalten, haben wir uns nun beantwortet. Wir wollen unsere Songs selbst produzieren, um so ein einheitliches Soundbild zu kreieren. Der Plot produziert nun alles selber!

Es gibt diverse Antworten, die wir gefunden haben, aber eine weitere Frage wäre die um unseren Popanteil. Das was auf dem neuen Album zu hören ist, ist eine deutliche Annäherung an den Weg, den wir entschieden haben, zu gehen. Wir haben viele gesungene Hooks auf unserem Album, was Elmäx übernommen hat. Ich müsste dafür deutlich mehr Stimmbildung machen, um eine Hook gerade einsingen zu können (lacht). Wir hatten auch auf Concorde gesungene Hooks von Elmäx, aber auf Interrobang ist es deutlich mehr. 

Fragen, auf die wir keine Antwort bekamen, waren z.B. die, wofür der Plot überhaupt steht. Für unsere neue LP haben wir erstmals mit einem größeren Promoteam gearbeitet, die uns immer wieder gefragt haben, was genau der Plot bedeutet: „Wofür steht ihr? Ihr seid für die Leute nicht wirklich greifbar!“ Das konnten wir auch bis zum Schluss nicht ganz beantworten. Wir wissen zwar, dass wir eine Band sind, denen der musikalische Aspekt sehr wichtig ist und vor allem auch eine Live Band sind. Wir sind nicht die, die nur Mucke im Studio machen und damit nie auf die Bühne gehen. Wir wollen zocken, live spielen und mit den Fans interagieren. Aber wir haben noch keine Schublade für uns gefunden, wie es z.B. bei Lance Butters ist. Bei ihm denken alle an diesen Battle Rapper mit der Iron Man Maske. Wer wir sind, ist heute zwar klarer als früher, aber man kann den Plot nicht in drei Worten zusammenfassen. 

 

 

Euer Album Interrobang lässt zumindest die Interpretation zu, dass es in fast jedem Song um - mal mehr mal weniger - unterschwellige Gesellschaftskritik geht. Seid ihr mit unserer Gesellschaft unzufrieden?

Conny: Man kann es tatsächlich in viele Songs reininterpretieren, aber wie du schon gesagt hast, passiert das unterschwellig. Ich musste für unser Album ganz viele Pressetexte schreiben und dort habe ich es ganz passend beschrieben: Wir wollen uns nicht außerhalb von Problemen positionieren und diese nur anprangern. Wir wollen in unseren Songs nicht sagen: „Die Gesellschaft ist scheiße, aber wir sind cool“. Davon gibt es doch schon genug Lieder. Wir wollen uns in die Problematik miteinbeziehen, wie in unserem Song Problem. Elmäx sagt doch, es sei gut möglich, dass er das Problem sei. Das lyrische Ich ist nicht außen vor und beschreibt Probleme, sondern ist mitten drin. Wir drücken uns behutsamer aus - statt plakativ. 

 


Ihr werdet durch die Initiative Musik gGmbH gefördert. Wie läuft es dort ab? Haben sich die Leute dort gedacht, dass ihr so geile Mucke macht, dass man euch einfach 20.000 Euro in die Hand drücken muss?

Elmäx: Ich will darüber mal nicht alles verraten, aber letztendlich ist es eine ganz normale Förderung für junge Talente. Wir haben uns dort beworben und wurden genommen. Dadurch hatten wir erst die Möglichkeit, mehr Leute ins Boot zu holen und es vermarkten zu können. 

 

Elias: Es ist eine staatliche Förderung, mit denen Kulturgelder verteilt werden. 

 

Conny: Man bekommt 40% der Ausgaben wieder zurück, woraus die Initiative Musik kein Geheimnis macht. Auf deren Homepage kann man vieles nachlesen.

 


Wenn ich mir die Aufmachung eures Albums ansehe, frage ich mich ob, ihr Comicfans seid. Sowohl die CD als auch euer Booklet ist in diesem Stil gehalten.

Elmax: Das stimmt. Mittlerweile kaufe ich mir zwar keine mehr, aber früher haben wir das alle gerne gemacht. Conny vielleicht noch mehr als ich. Letztendlich gefiel uns die Idee, verschiedene Interrobangs zu zeichnen, die die Motive des Albums aufgreifen. Iris Hammers und Jenny Theisen haben das sehr gut umgesetzt. Aber wir sind nicht expliziert die Comicband in Deutschland, obwohl der Gedanke nahe liegt. 

 

 

Beim betrachten eures Albums vermutete ich, dass ihr eine große Comicsammlung besitzt.

Conny: Die staubt aber mittlerweile ein. Auch Concorde und Freunde schlechten Geschmacks lassen das vermuten. Es ist auch wirklich eine Comicaffinität da, aber wir treffen uns nicht jeden Samstag und tauschen Comichefte aus: „Ich habe heute Spiderman 438 dabei. Kannst du mir die Fantastischen Vier 219 ausleihen, weil dort die Geschichte mit Onslaught drin ist, die ich unbedingt nochmal lesen möchte. Können wir heute über den Comic sprechen?“ So krass ist das bei uns nicht. 

Habt ihr eure T-Shirts, die ihr auf eurem Booklet oder Plakaten trägt selbst erstellt? Ich habe die Klamotten in keinem Shop irgendwo gefunden.

Conny: Es ist tatsächlich eine Spezialanfertigung für das Shooting gewesen. 

 

Nun aber meine eigentliche Frage: Warum kann man die nirgends kaufen? Das wäre eins der optisch coolsten Merchs überhaupt!

Conny: Das Problem ist der Alloverdruck. Es ist kein günstiger Druck, wobei Merch günstig sein sollte. 

 

Elias: Es wäre bei einer kleinen Auflage von 100 T-Shirts sehr teuer, was es wiederum schwierig macht, es an den Mann zu bringen. 

 

Elmäx: Oder würdest du ein T-Shirt kaufen, dass 50€ kostet? 

 

 

Ich habe tatsächlich T-Shirts, die so viel gekostet haben. 

 

Elias: Aber doch kein Merch!

 

 

Doch, ich habe mir einst ein A$AP Rocky T-Shirt gekauft, das 50€ gekostet hat. Es war aber auch ein echt fettes T-Shirt!

 

Elias: Lasst uns auch A$AP Rocky T-Shirts machen (lacht). 

 

Conny: Man muss das so sehen: Diese T-Shirts sind teuer herzustellen. Wenn sie kaum einer kauft, weil sie zu viel Geld kosten, wäre es am Ende eine ziemlich teure Liebhabersache. Natürlich gibt es auch Leute wie dich, aber auf 80% der Shirts sitzenzubleiben? Wir sind für diese Tour auf Nummer sicher gegangen und haben klassisches Merch produziert. Vielleicht legen wir diese T-Shirts auch noch nach, aber da müssen wir schauen wie das Feedback zu der Platte ist. 

 

 

Fast alle Auftritte in eurer Hauptsache WLAN Tour finden am Wochenende statt. Ist das dadurch gekommen, weil ihr neben der Musik berufstätig seid?

Conny: Das ist ein Grund. Der andere ist, dass wir uns vollere Hallen versprechen, wenn wir am Wochenende auftreten. 

 

 

Wenn ihr Vier berufstätig seid, wie kann man sich die Produktion des Albums vorstellen? Ich halte es für schwierig, vier verschiedene Leute mit verschiedenen Jobs und Arbeitszeiten immer wieder an einen Tisch zu bekommen.

Elmäx: Ja, es ist tatsächlich schwierig. Wir treffen uns unter der Woche nur abends oder am Wochenende. Wir arbeiten aber auch gerne in Grüppchen z.B. schreiben Conny und ich die Texte oder nehmen auf, während Dom und Elias die Beats ausproduzieren. Diese Arbeitsweise ist auch effizienter, als wenn wir vier aufeinander rumhängen. Wenn es um Songskizzen geht oder um die finalen Arbeiten, dann ist es natürlich besser zusammenzuarbeiten. Aber weniger, wenn Conny und ich die Texte schreiben. 

 

Elias: Dropbox funktioniert bei uns auch ganz gut. Da wird stets aktualisiert, sobald es etwas Neues gibt. Für alles andere verabreden wir uns und passen uns gegenseitig an. Es ist nur eine Frage der Organisation!

 

 

Ihr habt selbst in einem Interview gesagt, es sei egal, auf was für einen Beat gerappt wird, um Hip-Hop zu sein, ist es nur wichtig, dass man rappt. Ein Gedankenspiel: Was glaubt ihr, was die Grundungsväter [Anm. d. Verf.: Zum Beispiel DJ Kool Herc, Grandmaster Flash oder Africa Bambaataa] des Hip-Hops darüber denken?

Elias: Aber so ist das heute. Da muss man sich nur umschauen und sehen was viele Künstler heutzutage machen. Aber natürlich regt das einen 90er Jahre Hip-Hop Nazi auf. 

 

Elmäx: Ich tue mich mit jeder Definition von Hip-Hop schwer. Es kann jeder für sich selbst entscheiden, was Hip-Hop ist und was nicht. Wenn Jemand Schubladen und Grenzen braucht, soll er das ruhig weiter beibehalten. Wenn jemand rappt, ist es für mich immer Hip-Hop. Das kann gut oder schlecht sein. Aber mit „das ist der „reale“ Hip-Hop und jenes nicht“, damit kann ich nichts anfangen. 

 

Conny: Ich glaube, das liegt einfach in der Natur der Sache. Es gibt natürlich einen Grundgedanken, aber man kann nicht verhindern, dass sich Dinge weiterentwickeln. Jedes Genre entwickelt sich weiter und nimmt Einflüsse aus anderen Musikrichtungen mit. Ich finde die Entwicklung gut und glaube, dass es der einzige Weg ist, um als Genre attraktiv zu bleiben. Ich würde Hip-Hop ziemlich langweilig finden, wenn alles noch genau so wäre, wie vor 25 Jahren. 

 

Elias: Ich glaube auch nicht, dass die Gründungsväter etwas gegen Entwicklung hatten.

 

 

Interview geführt von

Walter Schilling

 

1. Foto: Lukas Richter

2. Foto: Matthäus Walotek

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