Dr. Dre - Compton

Wir haben genug halbgare Reviews über sein neues Album gelesen: Hier ist die Review, die es auf den Punkt bringt.

50 Cent erzählte erst letztes Jahr in einem Interview, dass Dr. Dre wohl aus Angst vor einem schlechten Album, das wiederum das Image von Beats by Dre schädigen könnte, zu viel Druck verspürt, um ein gutes Album produzieren zu können. Auch Snoop mutmaßte vor geraumer Zeit: „I just think the wrong people are in the environment. When he made records that were hit records in the past, D.O.C., Snoop Dogg, RBX, Kurupt — it’s like it’s pieces that’s not there that need to be there“. 

Doch trotz dieser Mutmaßungen aus den eigenen Reihen ist das Album nun seit über einem Monat erhältlich und fast jeder hat zumindest mal reingehört. Dr. Dre gründete und erfand in den 1990er den Rapstil G-Funk, von dem er sich aber auf seinem neuen Longplayer Compton distanziert. Nur der Song Satisfiction erinnert an dieses Genre, obwohl er zugleich den Knackpunkt des Albums aufweist: Die Gäste! King Mez schafft es auf diesem Album nicht zu überzeugen. Sowohl auf Satisfiction als auch auf Darkside/Gone rappt der Kalifornier darüber, dass er die unterschiedlichsten Leute kennt, wie Stars, Dealer oder Gangster. Ja ja ve ve. Es ist nicht wie damals bei The Chronic, als alle wissen wollten, wer dieser Snoop Dogg ist, nachdem man Nuthin' But A „G“ Thang gehört hatte. Das wiederum stützt Snoops Theorie, Dre sei von den falschen Menschen umgeben, um einen neuen Klassiker zu erschaffen. Keine Frage, viele Gäste burnen, wie Kendrick Lamar auf Genocie, Darkside/Gone und Deep Water. Auch Snoop Dogg, Xzibit, Eminem, The Game, Ice Cube, Anderson .Paak oder Marsha Ambrosius besinnen sich auf ihre Stärken und sorgen dafür, dass Compton zu einem gelungenem Gesamtwerk wird. Dr. Dre und Anderson .Paak liefern sich z.B. auf All In A Day’s Work ein super Duett. Die beiden Musiker konnten sich ergänzen und liefern einen motivierenden Song mit viel Gefühl ab. Man kann Dr. Dre nicht vorwerfen, er habe sein musikalisches Gehör in den letzten 16 Jahren - ohne eigenes Album - verloren.

Foto: Universal Music


Wer sich tatsächlich darüber beschwert, dass Dre zu viele Gäste auf seinem Album hat, darf froh sein, dass es überhaupt einen Solosong gibt: Talking to my Diary. Wer erinnert sich an den letzten Solosong von Dr. Dre? Es ist schwer zu sagen, denn auf The Chronic und 2001 gibt es keinen einzigen. Er ist mehr Produzent als Rapper und heute ist es auch kein Geheimnis mehr, dass Dre’s Rapparts von anderen Rappern geschrieben werden. Mittlerweile holt er sich meist noch weitere Produzenten ins Boot und produziert mit ihnen gemeinsam die Beats. Der eben genannte Song Talking to my Diary z.B. wurde von DJ Silk und Mista Choc mitproduziert. 

Dem ganzen setzt André Romell Young - wie Dr. Dre bürgerlich heißt - die Krone auf, indem er selbst auf zwei Songs komplett fehlt. Wobei es sich bei The Game auch tatsächlich gelohnt hat, ihm das Rampenlicht zu schenken -im Gegensatz zu Jon Conner. The Game nutzt seine zwei Minuten und rappt energievoll das Lied Just Another Day. Sowieso wäre das Album ohne The Game kein echter Compton Soundtrack geworden. 

Doch die wirklich größte Überraschung, mit der sich viele Fans vor den Kopf gestoßen fühlten, waren die schnellen Hi-Hats und harten 808 Drums [Anm.: mit dem 808-Drumcomputer erstellte Drums]. Gleichzeitig hat Dr. Dre auf den G-Funk fast komplett verzichtet und damit etliche Hörer verwundert. Auf der einen Seite sind die 808’s teilweise gut eingesetzt und Songs wie Medicine Man oder Deep Water überzeugen uns von Dr. Dre’s Fähigkeiten am Dromcomputer. Auf der anderen Seite gibt es aber etliche Künstler, die das besser machen, wie z.B. Kaaris, Sadek oder Niro. Dre war in der Vergangenheit dafür bekannt, dass er neue Einflüsse in den Hip-Hop brachte, dann noch einen draufsetzte und sich anschließend selbst übertraf. Das ist ihm mit Compton leider nicht gelungen, aber der Langspieler ist auch kein Fehlkauf. Es ist ein gutes Album geworden, aber kein Klassiker.


Von Walter Schilling

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