Interview mit Jean Cyrille 

„Das was ich mag, ist Rebellion. Ich finde, dass sich zu viele Menschen zu schnell fügen.“

Autor: Walter Schilling

Foto: Kristin Bode

 

Jean Cyrille ist ein bemerkenswertes Talent in Deutschlands Undergroundszene. Er nutzt 808’s und schnelle Hi-Hats, um kraftvollen und harten Rap zu machen. Nun sind die beiden Musikinstrumente keine Seltenheit mehr, aber aktuell findet man keinen, der sie so nutzt wie er. Bestes Beispiel ist sein Song Lashka. Jede Drum, Snare und Hi-Hat sitzt perfekt. Wahrscheinlich ist ihm das deswegen so gut gelungen, weil das Instrumental erst entstanden ist, nachdem er seine Rapparts aufgenommen hatte. Zusammen mit seinem Produzenten Caid hat er die EP La Haine in der vergangenen Woche veröffentlicht, der für die meisten Beats mitverantwortlich ist. Wir telefonierten mit dem Düsseldorfer Jean Cyrille, der mehrere Jahre in Stuttgart gelebt hat und in diesem Jahr bereits zwei EP’s veröffentlicht hat: Ein waschechter Hustler. In unserem Interview klärt er auf, was es mit dem Lashka Remix auf sich hat.

Anfang des Jahres hast du die EP Banlieusard veröffentlicht. Ein halbes Jahr später erscheint deine neue EP. Warum zwei in einem Jahr?

Ich wollte nach Banlieusard unbedingt nachsetzen und meinen Hörern etwas geben. Außerdem habe ich einfach Bock zu rappen und schreibe gerne Texte.

 

Dann kann man wohl davon ausgehen, dass du dieses Jahr viel Zeit im Studio verbracht hast.

Nein, so viel Zeit verbringe ich gar nicht im Studio. Wenn unsere Jungs – Caid und Zakaria - mir einen Beat produziert haben, schreibe ich den Song nicht im Studio. Sie schicken mir nur den Beat und wenn ich mit dem Schreiben fertig bin, gehe ich erst ins Studio und nehme dort den Song auf.

 

Musst du dich dann noch um Organisatorisches kümmern?

Ja, ich arbeite eng mit meinem Management zusammen und führe gewisse Telefonate auch noch selbst, die ich meinem Management abnehmen kann, da Alexandro seit einiger Zeit u.a. in der Filmbranche tätig ist. Ich verbringe viel Zeit mit Alexandro [Anm. d. Verf.: Alexandro Peter Biber ist für Regie, Kamera, Schnitt, Merchandise, Gestaltung, Drehorte, Requisiten und Management zuständig], in der wir uns gemeinsam um Video-, Vertrieb- und Labeltermine kümmern. Die Videos zur EP Banlieusard habe ich teilweise noch selbst gedreht, bis auf ArschlochmodusLichter meiner Stadt und Antipathie. Mittlerweile ist Alexandro komplett für die Videoproduktionen zuständig. 

Deine EP La Haine heißt auf Deutsch übersetzt Hass. Bei so einem Titel darf man eine hasserfüllte EP erwarten. Warum dann der Song Mission? Auf diesem Track ist kein Hass zu spüren.

Ich interpretiere das anders. Der Song sorgt für Hass, nur nicht bei mir. Wenn du derjenige wärst, dessen Freundin dich verlassen hat, weil du zu viele Blunts rauchst, dann spürst du Hass. Wenn dir deine Freundin schreibt, dass sie heute nicht zu dir kommt, weil sie krank ist, aber in Wahrheit mit einem anderen Typen unterwegs ist, fühlst du Hass. Aber ehrlich gesagt, wollte ich keine zehn Songs, die in die Richtung von Lashka gehen. Ich will die EP selber hören und dafür habe ich den ruhigeren Song Mission gebraucht.

Deine EP hat viele 808-Drums [Anm. d. Ver.: harte Drums, die mit einem Drumcomputer erzeugt werden], schnelle Hi-Hats und gerne mal abgehakte Flows. Inspirieren dich die Amis oder mehr die Franzosen?

Zuerst einmal: Meine Texte werden wenig von Musik inspiriert. Ich schreibe über das, was um mich herum passiert und was ich sehe. Aber wenn ich Musik höre, dann eher die von den Franzosen. Es gibt ein paar Amis, die ich wirklich feier, aber im Großen und Ganzen gefällt mir die Musik der Franzosen besser.

 

Bedeutet Lashka Kalash? Was wiederum ein Kürzel für Kalashnikov ist?

Genau. Das ist ein Wortspiel, das in Frankreich weit verbreitet ist. Man kann es mit der Bi-Sprache aus Bonn vergleichen. Ich nehme einfach die erste Silbe und setzte sie nach hinten. Aber wenn wir schon über Lashka sprechen, dieser Song war viel Arbeit. Ich habe den Song in Mannheim, zwischen Tür und Angel fertig geschrieben. Als ich im Studio war, um den Song aufzunehmen, hatte ich an diesem Tag einfach keine Stimme mehr. Ich war vollkommen fertig, musste aber den Track aufnehmen, da mich Alexandro kurz darauf einem Videomarathon unterzogen hat und ich anschließend nach Großbritanien fliegen musste. Dort angekommen, erhielt ich die Nachricht, dass ich den ursprünglichen Beat nicht verwenden konnte. Also musste ein anderer Beat her. Während ich im Ausland war, wurde das Video Lashka von Alexandro fertig geschnitten. Niklas, der für mein Mix & Master zuständig ist, war zur gleichen Zeit in Griechenland. Caid hatte währenddessen einen neuen Beat in Deutschland produziert, wodurch wir länderübergreifend gearbeitet haben. Meiner Meinung nach hat der neue Beat von Caid viel besser gepasst, er war wie maßgeschneidert, weil jedes Detail für mich passte. Der Beat vom Lashka Remix wurde von Philo produziert, der ein guter Bekannter und Freund von Alexandro ist.

Du erwähnst nicht nur im Song Lashka Schusswaffen bzw. rappst darüber. Auch im Track Piraten wird das erwähnt. Inwiefern beschäftigen dich Waffen in deinem Leben?

In meinem Song Lashka geht es doch gar nicht um Waffen an sich, sondern um die Kalashnikov. Ich persönlich finde, dass es ein schönes Gerät ist. Allein schon ihre Optik: Sie strahlt sehr viel Macht aus. Es gibt auf der Welt viele Menschen, die ihre Macht missbrauchen und dafür ist die Kalashnikov ein gutes Beispiel. Man kann mit dieser Waffe sowohl Gutes als auch Schlechtes machen. Du kannst damit Menschen in Not beschützten oder auch ein ganzes Volk unterdrücken. Es liegt an uns Menschen, was wir damit anstellen.

 

Du bist an der Elfenbeinküste geboren und auch aufgewachsen. Hast du dort Erfahrungen mit Milizen gemacht, die ihre Macht missbraucht haben? Vielleicht auch ganze Dörfer ausgelöscht haben? Passiert das heute noch dort?

Ich möchte nicht unhöflich sein, aber ich werde nichts Schlechtes über mein Heimatland sagen. Genauso wenig, wie ich mich abfällig über Deutschland äußern werde. Ich möchte nicht über Politik in Interviews sprechen. Dort gibt es grundsätzliche Probleme. Denn wenn zwei Leute Streit haben, müssen die das unter sich klären und nicht andere Menschen oder Soldaten schicken. Der ganze Krieg ist nur scheiße. Jahrzehntelange Nachbarn beginnen sich zu bekriegen, weil sie plötzlich Glaubensfeinde sind. Was ist da los? Von den unzähligen Kriegen in Afrika profitieren andere Leute. Diejenigen, die mit Kriegen Geld verdienen, sind in Sicherheit und zählen ihr Geld.

Du hast selber mal gesagt, dass du in Stuttgart gelernt hast, was Rap ist. Was konkret hast du in Stuttgart über Rap gelernt?

In Stuttgart habe ich gelernt Songs aufzunehmen. Wie man sich für’s Aufnehmen vorbereitet, mit welchen Programmen man arbeitet. Ich habe darüber viel gelernt und auch ganz neue Rapper kennengelernt, die ich damals noch nicht auf dem Schirm hatte.

 

Du hast dort quasi die Zeit mit Rapnerds verbacht.

Ja, Rapsessions waren ein großer Zeitvertreib in Stuttgart. Wir haben im Studio gechillt, während andere Rapper dazu kamen. Es wurden Songs aufgenommen und man hing dort manchmal bis um fünf Uhr morgens ab. In dieser Zeit habe ich durch gegenseitigen Erfahrungsaustausch vieles gelernt.

Wie lange hast du in Stuttgart gelebt?

Drei Jahre lang. Meine verstorbene Oma kommt aus Stuttgart, Feuerbach. Dort habe ich gewohnt, aber auch in Degerloch, Rotebühlplatz und Fellbach. Ich habe Freunde in Esslingen, Backnang, Ludwigsburg und kenne auch Bietigheim-Bissingen. Ich bin in der Zeit viel rumgekommen.

 

Warum bist du nach den drei Jahren in Stuttgart wieder nach Düsseldorf zurückgegangen?

Drei Jahre sind eine lange Zeit. Ich wollte wieder bei meiner Familie sein. Jetzt bin ich wieder in meiner Hood, in der mich alle seit meiner Kindheit kennen. 

 

Du hast selber mal gesagt: „Keiner ist 24 Stunden am Tag Pablo Escobar, selbst Pablo Escobar.“ Ich fand das sehr unterhaltsam, als ich es gelesen habe. Denn wer war Pablo Escobar, wenn nicht er selbst?

Auf der einen Seite war er ein einflussreicher Mensch, der eine Armee hatte und Menschen umgebracht hat, die ihm im Weg standen. Aber er hatte doch auch ein Familienleben. Ich rede z.B. mit meiner Mutter anders, als mit meinen Jungs. Das war bei ihm bestimmt nicht anders. Wir wissen nicht wie Pablo daheim war. Wir wissen nur, dass Leute gesagt haben, dass er krass war. Aber an dieser Stelle: Joaquín Guzmán zerreißt Pablo Escobar!

 

Hegst du Sympathien für Gangsterbosse?

Das was ich mag, ist Rebellion. Ich finde, dass sich zu viele Menschen zu schnell fügen. Man sollte öfter dreist sein.

 

Die letzten Worte gehören dir:

Grüße gehen an HT,DYNS,RRC,10C und Shooter Stars.


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