Interview mit Sickless

„[Stuttgart ist] doch die Stadt, mit der absolut höchsten Quote an Rappern, die Songs über die eigene Stadt schreiben“

Beim Stuttgarter Rapper Sickless läuft es immer besser. Er wurde in den letzten Monaten auf den Festivals splash!, HipHop Open (als Moderator), HipHop Kemp und Spack gebucht. Anders gesagt: Er hat beide Füße in der Tür von wichtigen HipHop Festivals. Er tourt durch Deutschland, veröffentlichte letztes Jahr sein Debütalbum und sticht sowohl mit seiner eigenen Version des Boombaps als auch mit ansehnlichen Videos aus der Masse hervor. Und das Ganze ohne Label! Frei nach dem Motto: Künstlerkollektiv statt Independentlabel. Das besagte Künstlerkollektiv nennt sich wirscheissengold und beherbergt Rapper, Produzenten, Kameramänner, Grafiker und Tontechniker. Sickless gründete es vor fünf Jahren und ist der Kopf der Gruppe. Seitdem ging es mit ihm nur bergauf. Wir sprachen mit Rapper Sickless über wirscheissengold, über sein Debütalbum und fanden heraus, dass der Stuttgarter nicht nur Stuttgarter Rap gehört hat.

In deinen Songs hört man oft deine Liebe zu Stuttgart…

Wie bei jedem Rapper aus Stuttgart. Wir sind doch die Stadt, mit der absolut höchsten Quote an Rappern, die Songs über die eigene Stadt schreiben. 

 

Stimmt. Da muss ich dir Recht geben.

Das Verhältnis der Rapper in Stuttgart, die Songs über ihre eigene Stadt geschrieben haben, ist im Vergleich zu anderen Städten unglaublich hoch.  

 

Mir fällt gerade auch kein Stuttgarter Rapper ein, der keinen Song darüber geschrieben hat.

Das gehört hier zum guten Ton, als Stuttgarter einen Song über Stuttgart zu schreiben.

 

Bist du mit Raps aus Stuttgart auch musikalisch sozialisiert? Hast du es in deiner Jugend gehört?

Obwohl ich hauptsächlich Deutschrap gehört habe, bin ich tatsächlich nicht mit den Massiven oder Freundeskreis aufgewachsen, was natürlich nicht an der Qualität ihrer Musik lag. Ich habe aber Rücken zur Wand von Franky Kubrick monatelang gehört und viel Afrob gepumpt. Ich habe aber schon immer viel Underground Hip-Hop aus Stuttgart gehört, z.B. Phong Bak. Ich habe aber nie auf die Heimatstadt eines Rappers geachtet. Für einen Stuttgarter habe ich wohl wenig Stuttgarter Rap gehört.

 

Auf deinem Song Jib Job hast du auch Cuts von Franky Kubrick und Afrob. 

Der Song ist etwas Besonderes. Ich habe dort auch Cuts von Marz und Cro mit dabei. Das „Komm nach STGT“ ist von Marz und „Kaviar und Champus“ ist von Cro. Als Carlo noch Lyric hieß, haben wir unsere ersten Gigs zusammen gespielt. Deswegen war es für mich eine Ehrensache, ihn auf den Song zu packen. Er ist schließlich ein relevanter Act aus Stuttgart.

 

 

 

Auf deiner Homepage ist zu lesen, dass du in den vergangenen acht Jahren einen Weg gegangen bist, der nicht spektakulärer hätte sein können. Was genau findest du daran „spektakulär“? 

Der Schreiber hat damit wohl weniger gemeint, dass ich musikalisch spektakulär steil gegangen bin, sondern wie viel bei mir passiert ist. Ich habe mit 16 Jahren meine erste EP über MZEE veröffentlicht. Das haben sich damals etwa 2000 Leute runtergeladen. Danach habe ich semiprofimäßig für den 1. FC Heidenheim gekickt und bin dadurch viel rumgekommen. Mit 21 Jahren bin ich Vater geworden und habe immer nebenher studiert und weiterhin Musik gemacht. Wenn du dir noch überlegst, wie weit wir mit wirscheissengold gekommen sind. Wir haben damit als junge Dudes angefangen, ohne Management oder Leuten, die uns gesagt haben, wie die Dinge funktionieren. Wir haben unsere Kräfte gebündelt und gemeinsam Horus erschaffen. Wir waren dieses Jahr auf fast allen wichtigen Festivals unterwegs und haben schon eine Tour mit Afrob und Edgar Wasser gespielt. Ich denke, das rechtfertigt das „spektakulär“, das der Schreiber benutzt hat.  

 

Auf deiner Homepage ist auch ein Video des letzten Hip-Hop Open zu sehen. Wie war es für dich, das letzte Open mit Marz zu moderieren?

Es gab extrem viele, geile Momente auf dem Hip-Hop Open. Aber wenn es das nicht mehr gibt, dann ist es nun mal so. Es wird sich bestimmt irgendetwas anderes, cooles ergeben. Ich selber muss mich bei den ganzen 0711 Leuten bedanken, dass sie uns letztes Jahr auf der Mainstage haben spielen lassen. Wir waren zwei Monate davor schon total aufgedreht und haben uns darauf sehr gefreut. Dass wir beim letzten Hip-Hop Open auch noch moderieren durften, war uns eine Ehre. Es hat aber auch viel Sinn gemacht, es uns machen zu lassen. Warum sollte man jemanden aus Berlin oder Hamburg dafür holen, wenn es die jungen Stuttgarter machen wollen?

Nach den Begegnungen mit A$AP Rocky, Marsimoto oder Joey Bada$$ war ich wieder angefixt neue Musik zu machen. Ich kann die Gründe für ihr Aus natürlich nachvollziehen, aber ich stecke da nicht drin. Ich kenne das ja, ich habe dieses Jahr das Stuttgart Festival mit meiner Agentur mitorganisiert und kenne die Problemstellungen, die bei der Planung auftauchen. 

 

Habt ihr vor, das HipHop Open etwas aufzufangen? Ihr hattet dieses Jahr keine HipHop Bühne, ist das in Planung?

Wir hatten dieses Jahr viel Indie, Singer-Songwriter, Folk und elektronische Musik. Ich denke aber schon, dass wir in ein oder zwei Jahren diverse HipHop Act buchen werden. Rapper, die passen. Es werden HipHop Acts sein, die in unseren Kontext passen. 

 

Mit Marz bist du in letzter Zeit viel unterwegs. Wie läuft es gerade bei euch?

Bei mir und Marz läuft alles super. Wir waren jetzt ein Jahr immer zusammen unterwegs, weil wir uns gegenseitig feiern und die gleichen Musikansichten haben. Wir sind uns ähnlich, aber gleichzeitig auch sehr verschieden. Er ist mehr der Entertainer und macht traditionelleren Rap. Ich experimentiere gerne etwas mehr. Wir waren in letzter Zeit so oft gemeinsam unterwegs, dass viele schon dachten, dass es uns nur noch im Duo gibt. Wir wurden auch öfters auf ein gemeinsames Album angesprochen. Wir organisieren beide wirscheissengold, regeln unseren Shit gemeinsam und helfen uns gegenseitig. Unsere Bühnenshow besteht zwar mittlerweile zur Hälfte aus gemeinsamen Songs, aber wir beide haben jetzt einfach Bock, uns mit einer eigenen Band auszutoben.

 

 

Wie genau ist wirscheissengold aufgebaut? Bist du der Labelchef?

Labelchef ist ein bisschen weit hergeholt. Schließlich sind wir kein Label, sondern ein Künstlerkollektiv. Ich habe wirscheissengold zwar gegründet, aber aus der Erkenntnis, dass so viele Leute um mich rum versammelt sind, die sehr begabt und motiviert sind. Grafiker, Kameramänner, Tontechniker und Produzenten beispielsweise. Ich habe selber Medienwirtschaft studiert und dachte mir „Fuck, lass’ es uns selber machen“. Wir haben angefangen, eigene Releases zu starten, eigene Videos zu drehen, haben bei Turnieren mitgemacht, Auftritte gehabt und bekamen so immer mehr Aufmerksamkeit. Wir wissen mittlerweile, wie es funktioniert. Aktuell läuft es bei uns optimal und wir können bald einen Verlagsdeal unterschreiben. Wir bekommen lukrative Angebote. Schließlich können wir das Meiste selber machen. Wir beschäftigen uns bei solchen Verträgen nur damit, was wir von außen auch wirklich brauchen. Für Vieles brauchen wir keine Dienstleister. Wir sind kein Label und Labelchef klingt für mich sowieso zu protzig. Ich bin vielleicht mehr der Kopf und koordiniere alles. Wir sind ein Künstlerkollektiv!

Auch das Verhältnis untereinander ist super. Wir sind gute Freunde, wodurch das gemeinsame Arbeiten sehr entspannt ist und viel Spaß macht. Aktuell arbeite ich an meinem nächsten Album und da ist es nicht so, dass Drum Quixote mir die fertigen Beats schickt, ich arbeite intensiv mit. Das war aber auch schon beim letzten Album so. 

 

Laut.de hat es gelobt, dass du im VBT (VideoBattleTurnier) bis ins 16tel Finale gekommen bist. War das für dich selber überhaupt eine Ehre? Denkst du zurück und sagst „Wow“?

Nein, ich denke nicht. Ich habe dort auch nicht als unbekannter Rapper mitgemacht. Ich hätte auch noch weiterkommen können. Splifftastic war ein hartes Los und wir haben ein sehr geiles Battle geführt, das belegen auch die Klickzahlen. Das Battle haben sich viele Leute reingezogen. Beim VBT geht es auch gar nicht darum, wie weit man kommt. Es geht dort um die Produktivität. Es ist wie ein Bootcamp, du musst jede Woche ein neues Video mit einem neuen Song raushauen. Du bekommst dadurch eine Menge Routine im Rappen und im Drehen von Musikvideos. wirscheissengold hat durch im VBT 2013 rund 14 Videos veröffentlicht. Dr. Lucs hatte da ja ebensfalls mitgemacht.

Tendenziell ist das VBT nichts, womit man sich brüstet. Ich kenne keinen VBT’ler, der stolz auf seine Turnierleistung ist. Ich bin mit Weekend und Persteasy befreundet und keiner von ihnen profiliert sich mit seiner VBT-Zeit.

 

Wie lief die Produktion deines letzten Albums Horus genau ab? Du hast zwei Instrumentalskits auf deinem Album, was heutzutage eine Seltenheit darstellt.

Bei diesen beiden Beats musste man mich nicht auch noch hören. Das ist auch einer meiner Kritikpunkte für das neue Album. Ich will meine Lyrics etwas reduzieren, dafür aber pointierter setzen. Wenn ich mir Horus heute anhöre, empfinde ich es als ein nettes Debüt und höre es auch noch immer gerne. Beim nächsten möchte ich aber mehr auf Arrangements setzten. Es soll traditioneller Rap sein mit Popeinflüssen. Richtig dreckiger Pop, etwas schwierig zu beschreiben. Vor kurzem waren Drum Quixote und ich in Bayern bei seinen Eltern und haben dort intensiv am neuen Album gearbeitet. Er hat in einem abgeratzten Jugendhaus sein Studio, in einer richtig abgelegenen Stadt. Wir sind bestimmt drei Stunden mit dem Zug dorthin gefahren und es war fast nur Wald um uns herum. In drei Tagen haben wir bestimmt sieben oder acht Beatskizzen gemacht. Wir waren nur mit Musik beschäftigt. Im Oktober wiederholen wir das und hoffentlich steht dann das Fundament des nächsten Albums. Beim nächsten Langspieler werde ich aber nicht wieder die gleichen Fehler begehen.

 

 

Welche Fehler meinst du konkret?

Ich habe das Releasedate von Horus rausgegeben, obwohl ich noch nicht fertig war. Ich wollte mir damit Druck machen. Letztendlich ist es die übertriebenste Punktlandung geworden. Die CD’s sind Freitagmorgen gekommen, abends war schon die Releaseparty. Am Releasetag habe ich kein Video gehabt. Es war zwar sympathisch amateurhaft, aber das gibt es beim nächsten Album nicht mehr. Ich will eine gute Promophase haben und Videos dazu drehen, um dem Album auch gerecht zu werden.

 

Deine beiden letzten Longplayertitel (Horus & Seth) lassen vermuten, dass du dich in ägyptischer Mythologie auskennst. Was ist deine Lieblingsmythe oder Figur?

Ich kenne mich gar nicht so gut aus in der Mythologie. Mein Mitbewohner ist da krasser unterwegs. Was ich aber liebe sind Symbole. Mir ist das geschichtliche oder das mythische gar nicht mal so wichtig, sondern das Symbol selber. Ich liebe das Albumcover sehr. Aber wenn man es sich anschaut, könnte man es für ein mystisches Album halten. Man rechnet bei diesem Bild nicht unbedingt mit einem Boombap-Album. 

 

War es eine bewusste Entscheidung, das Albumcover so zu halten?

Nein gar nicht. Mein Cover wurde von einem Comiczeichner erstellt, den ich durch meine Familie schon ewig kenne. Ich habe ihm einfach meine Tracks gegeben und ihm gesagt, er soll einfach machen. Ich kenne ihn und wusste, dass er sich das Album anhören wird und etwas Gutes daraus machen wird. Das krasse dabei ist, dass er weder von meinem Astronauttattoo wusste, noch davon, dass Astronaut mein Lieblingssong der LP ist. Trotzdem zeichnete er einen übergeilen Astronauten auf das Cover. Die CD mit der matten Optik in der Hand zu halten, war geil. 

 

Du hast im Vorfeld der Veröffentlichung von Horus gesagt, dass es cool wäre, wenn sich Booking-Agenturen anfangen für dich zu interessieren. Das scheint sich nun erfüllt zu haben, oder?

Wir haben zwar viele Auftritte gehabt, aber um die haben wir uns selber gekümmert. Ich verstehe nicht ganz warum, wir hatten schließlich 30 bis 40 Auftritte, alle organisiert aus eigener Kraft,  aber wir haben noch kein einziges Angebot von einer Bookingagentur bekommen. Wir haben bei wirscheissengold aber jetzt intern jemanden, der optimal für diesen Job geeignet ist. Der kümmert sich nun um unsere Liveauftritte. Stichwort, Selbstversorgung. Das ist mir aber auch lieber als meine Rechte an eine Agentur abzutreten, die damit wie ein Penner wirtschaftet oder ich nur Priorität 41 bin. 

 

Interview geführt von

Walter Schilling

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Kommentare: 1
  • #1

    MYP (Mittwoch, 04 November 2015 20:55)

    Ein cooles Interview, ein cooler Typ und auch noch ein cooles Album.
    Schade, dass ich erst jetzt wieder auf ihn aufmerksam wurde.