Interview mit Nasou

„Ich will keine Tränen auf einem Festival sehen!“ 

Fast 20 Auftritte allein in diesem Sommer sprechen eine deutliche Sprache: Die Leute haben Bock auf Nasous Liveshows. Der Stuttgarter mit Wurzeln aus Tunesien rappt seit Jahren auf Reggaesounds. Er ist einer der wenigen in ganz Deutschland, die in diese Richtung gehen. Doch eigentlich ist es total naheliegend, da der Jamaikaner DJ Kool Herc nachweisbar der Erfinder des Raps ist. Inspiriert durch Dub und Reggae leistete er die Pionierarbeit für das Genre Rap. Nasou führt auf diese Weise wohl unbewusst das zusammen, was zusammengehört: Reggae, Dancehall und Rap. Seit einem Monat ist sein neues Mixtape Roadmovie digital erhältlich. Schon auf dem diesjährigen Hip-Hop Open hat er Songs von seinem neuen Mixtape performt, zu denen die Zuschauer gefeiert haben. Aber nicht nur dort konnte er sich beweisen, er war dieses Jahr auch auf dem Summer Jam, einem der größten Reggaefestivals in Europa. Show some respect!

Dein Mixtape heißt Roadmovie. Hast du schon selber Roadtrips hinter dir?

Jeder Auftritt, der nicht um die Ecke ist, ist ein Roadtrip. Vor kurzem waren wir in Luxemburg, das war zum Beispiel eine längere Reise. Wir, das heißt meine Band und ich, kennen uns durch die vielen Auftritte schon sehr gut, wodurch das Ganze etwas von Urlaub hat. Die Reise zur Summerjam war zum Beispiel besonders geil. Es war so ein heißer Tag - fast 40 Grad - und im Bus war es noch mal wärmer. Auf der Fahrt haben wir passend zum Wetter Reggae gehört. Da hat sich Urlaubsfeeling breitgemacht. Es passieren dabei auch viele witzige Dinge, wie auf einem Roadtrip.

 

Mit den dazugehörigen Insidern.

Es ist unglaublich, was wir dabei schon erlebt haben. Es gibt da viel zu viele Insider, als dass ich alle nennen könnte. 

 

Verreist du neben den Konzerten auch noch woandershin?

Ich würde gerne noch viel mehr reisen, aber im Moment kann ich mir das nicht leisten. Die Kohle, die ich mit der Musik verdiene, fließt wieder dort zurück. Ich kaufe mir immer wieder neues Equipment oder stecke Geld in ein Videodreh rein. Aber so geht es vielen Musikern. Die Wenigsten verdienen genug Kohle, um davon leben zu können. Doch die Auftritte sind ein richtig gut bezahlter Teilzeitjob. Ich will mich nicht beklagen. 

 

 

Früher hattest du einen deutlich stärkeren Soulanteil in deiner Musik, heute ist es sehr Reggaelastig. War die Veränderung ein schleichender Prozess oder gab es den einen Tag, an dem du dich dem jamaikanischen Sound geöffnet hast?

Es war ein schleichender Prozess. Ich habe schon früh viel Reggae gehört, was aber nicht bedeutet, dass der Soul für immer verschwunden ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich irgendwann ein Album produzieren werde mit Soulmusik. Zeitgleich habe ich auch Lust einen elektronischen Longplayer aufzunehmen. Ich produziere schon immer und habe mit so vielen verschiedenen Styles experimentiert: Von Jazz über Soul zu Boombap mit der MPC. Ich finde es scheiße mich zu beschränken, weil ich viel zu offen für verschiedenste Musikrichtungen bin. 

 

Wie hat sich dieser breit gefächerte Geschmack entwickelt? Interessieren sich deine Eltern für diverse Musikrichtungen?

Mein Vater ist ein richtiger Musiksammler. Er hat mich schon in meiner Kindheit mit den verschiedensten Musikrichtungen zugeballert. Mein Vater hat in seiner Sammlung zum Beispiel brasilianische Musik. Wir kommen aus Afrika, das hat eigentlich nichts mit uns zu tun. Bei ihm findet man von französischer Volksmusik bis hin zu orientalischen Sachen alles. Irgendwann hat er mir ein Keyboard geschenkt und mich dazu „gezwungen“ Melodien zu erfinden. Von da an war es vorbei. Heute fragt mich mein Vater manchmal: „Bist du echt so krass auf Musik hängen geblieben? Machst du das noch immer?“ Daddy, du bist Schuld daran!

 

Nach dem Hören des Songs Teilzeitmann / Vollzeitfrau stellt sich mir nun die Frage, ob es sich tatsächlich schwierig für dich gestaltet, eine Beziehung zu führen.

Durch das Tourleben ist es ein bisschen schwieriger als mit einem 9 to 5 Job. Dort ist dein Alltag geregelt und es lässt dich eine Beziehung besser koordinieren. Aber ich füge in meinen Songs noch 10% Fiktion hinzu. Es spielt sich in meinem Kopf manchmal schlimmer ab, als es in Wahrheit ist. Man darf den Song aber nicht so verstehen, dass ich ein Rockstar bin und keine Beziehung führen kann.  

 

Hast du auf Roadmovie alle Lieder selber produziert?

Ich habe alle Songs selber produziert, bis auf Wayooy. Den hat Agen Den aus Mannheim gemacht. Das ist ein guter Kumpel von mir, den ich über mein Praktikum bei Big FM kennengelernt habe. Ich bekomme auch Beats von anderen Produzenten geschickt, aber oftmals fehlt mir da etwas. Wenn ich die Jungs dann bitte, noch am Beat etwas zu ändern, bekommt man meistens immer die gleiche Antwort: „Nein! Das kann man nur als dieses Produkt nehmen. Das ist meine Kunst. Nimm es so oder gar nicht“. Also lass ich es meistens bleiben. Obendrein produziere ich selber viel. Ich wache morgens auf und mache zuerst einen Beat. Das brauche ich für mich, sonst ist der Tag unbefriedigt. Falls ich das morgens mal nicht schaffe, wird das abends nachgeholt. Ich will auch nicht, dass die Beats verstauben. Ich habe zehn Jahre alte Beats auf meiner Festplatte, die noch nie jemand angefasst hat. 

Ich bin natürlich auch offen für fremde Beats und wenn da etwas Geiles dabei ist, nehme ich es.

 

 

Es gibt auch keine Featureparts auf deinem Mixtape Roadmovie.

Für Featureparts muss man den Leuten manchmal richtig hinterherrennen. Irgendwann fragt man dann die Künstler, ob der Part schon fertig ist und bekommt zu hören, dass es nächste Woche auf jeden Fall fertig wird. In der nächsten Woche ist es aber noch immer nicht fertig. Dieses Spiel geht dann immer so weiter, während wir uns immer weiter dem Releasedatum nähern. Ein paar Wochen ehe ich das Mixtape zum mixen abgegeben habe, musste ich die Songs alleine fertig machen. 

Für das Mixtape war es aber nicht schlimm, da ich es auch für meine Bühnenshows geschrieben habe. Jetzt kann ich alle Songs aus Roadmovie alleine performen. 

Ich hätte auch den Schritt gehen können und länger auf die Featureparts warten. Ich habe kein strenges Label wie Universal hinter mir, das mit Deadlines arbeitet. Aber ich brauche ein konkretes Veröffentlichungsdatum für mich selbst. Das ist meine Arbeitsweise.

 

Welche Reggaeacts geben dir künstlerischen Input?

Protoje, ist aktuell der krasseste. Sobald ich seine Songs höre, packt mich sofort die Lust eigene Songs zu machen. Chronixx ist auch krass. 

 

Also eher der aktuelle Reggae?

Ja, modern Roots. Ich spüre bei ihnen auch den HipHop Hunger. Das ist mein Ansporn: HipHop mit Reggae zu vermischen. Ich komme aus dem HipHop und über die Jahre hat sich der Reggae eingeschlichen. Den Hunger und die Präsenz des HipHops mit der Weltmusik Reggae zu mixen ist mein Ansporn.

 

Die Riddim fragt sich die ganze Zeit: Ist Reggae nun tot oder lebendig?

Reggae ist lebendig! Ich bekomme ständig einen neuen Riddim mit und viele neue Acts. An dieser Stelle einen Gruß an die Jugglerz. Ohne die wäre Reggae in Stuttgart noch viel kleiner.

 

Reggae ist in Deutschland nach wie vor sehr klein.

Ja, richtig mickrig. Aber dafür gibt es mich (lacht). Ich will auch die HipHop-Hörer dazu bekommen, mehr Reggae zu hören. Für mich gehört es irgendwie zusammen. 

 

 

Ehrlich gesagt, ist Reggae einer der Musikrichtungen, die ich höre wenn ich nicht Rap höre. 

Ich glaube, so geht es vielen. Nur finden die meisten den deutschen Reggae  käsig, viel zu kitschig. Das versuche ich bei mir rauszunehmen und den Sound zugänglicher zu machen. Dadurch könnte die Reggaeszene größer werden. Auf dem HipHop Open habe ich wieder gemerkt, dass viele HipHop-Hörer Reggae feiern. Ich habe die Show mit einem richtigen Reggaesong begonnen und alle haben Party dazu gemacht. Es wäre cool, wenn sich die HipHop Formate mehr mit Reggae beschäftigen würden, gerade bei mir, da ich beides vermische.

 

Ich glaube in Zukunft wird man nicht an Künstlern vorbeikommen, die ihre Musik mit verschiedenen Genres vermischen. Es wird viele Rapper geben, die von Boombap sehr weit weg sein werden.

Ja, es wird auf jeden Fall Künstler geben, die sehr weit weg davon sind. Aktuell gibt es viele Rapgenres, in Zukunft wird es nicht weniger davon geben. Aber Boombap wird es immer geben. Diese Nische ist heute groß und wird es auch immer sein. 

Nun ist es aber auch an der Zeit, dass die Rap/Reggae Nische wächst. Ich versuche mit meiner Musik eine Brücke zwischen diesen beiden Genres zu bauen.

 

Du sagtest, dass du dein Mixtape für die Bühne geschrieben hast. Also hast du während deiner Produktion nur die Bühne im Kopf gehabt?

Ja, so kann man es sagen. Bei meinem nächsten Album werde ich versuchen, es als Album zu sehen und nicht zwingend so zu produzieren, dass ich es eins zu eins auf der Bühne spielen kann. Auf meinem Mixtape Roadmovie habe ich zum Beispiel auf Atempausen geachtet, um es auf der Bühne gut performen zu können. Vielleicht wird sich meine Musik etwas verändern, wenn es nicht mehr im Vordergrund steht, auf der Bühne zu spielen.

 

Notfalls spielst du wie A$AP Rocky mit drei Backup Rappern auf der Bühne.

(Lacht). Der ist übrigens voll nett. Als ich ihn nach einem Foto gefragt habe, war er gleich am Start. Hat mich noch gefragt, ob er ein Gangzeichen von meiner Crew für mich formen soll. Er war total freundlich und sehr entgegenkommend. Rocky ist nicht der kleinste Act und hätte es nicht nötig gehabt dermaßen korrekt zu sein, war es aber trotzdem! Cooler Typ.

 

Er macht wahnsinnig gute Songs im Studio, hat aber große Probleme sie auf der Bühne rüberzubringen. Er ist quasi dein Gegenstück, denn bei ihm habe ich das Gefühl, dass er überhaupt nicht an die Bühne denkt. 

Er ist einfach ein Studiorapper und ich ein Live MC. Mein Anspruch ist eigentlich nicht, immer nur Lieder für die Bühne zu schreiben, aber mir fällt es sehr schwer davon wegzugehen. Ich liebe es sehr, auf der Bühne meine Songs zu spielen. Auf dem Mixtape habe ich aber auch Songs wie Teilzeitmann/Vollzeitfrau. Solche Tracks spiele ich nicht live, obwohl ich daran ewig geschrieben habe. Das taugt als MP3 mehr als auf der Bühne. Natürlich habe ich auch Lieder geschrieben, die nur für das Mixtape gedacht sind. Früher war alles besser ist ebenfalls einer davon. Das kann man sich daheim anhören, aber auf Festivals will das doch keiner hören. Wenn Curse Was ist jetzt spielt, ist die Stimmung unten! Das kann man auf seinen eigenen Konzerten spielen, aber „ich will keine Tränen auf einem Festival sehen!“ 

 

Du bist die letzten beiden Jahre auf dem Hip-Hop Open aufgetreten. Bist du ein wenig betrübt darüber, dass es das Event nicht mehr geben wird?

Ja, das ist gerade ein großes Thema und in ganz Stuttgart wird darüber philosophiert. Aber ob das jetzt traurig ist? Ich persönlich bin einfach nur froh darüber, dass ich dabei war. Schon als ich das erste Mal ein Plakat vom HHO gesehen habe, wollte ich dort unbedingt auftreten! Kurz vor dem Ende habe ich es noch zweimal geschafft und bin einfach froh darüber. Ich bin zwar auch traurig darüber, dass es kein HHO mehr geben wird, aber bin mir ziemlich sicher, dass es eine Alternative geben wird. Das Stuttgart Festival war dieses Jahr gut besucht, aber es wurde viel Indie gespielt. Die Veranstalter haben dort schon angekündigt eine Hip-Hop Bühne zu machen. Das könnte für die HipHoper ein Ableger sein. Letztendlich stellt sich nur die Frage, ob die Besucher des HHO auf das Stuttgart Festival gehen werden. 

Aber egal, ob es das Stuttgart Festival sein wird, oder etwas ganz anderes: Ich hoffe, dass die HHO Besucher auf der zukünftigen HipHop Veranstaltung auch dabei sein werden. HHO hatte etwas von einem Klassentreffen. Wenn ich alleine hingegangen bin, habe ich trotzdem alte Freunde gefunden und mit ihnen viel Spaß gehabt. 

 

 

Du bist wahnsinnig viel live unterwegs. Fängt es an, dass dich das Reisen schon anzeckt? 

Ja, manchmal schon. Gerade wenn der Auftritt auf keinem Rap- oder Reggaefestival ist und ich das komplett falsche Publikum habe. Ich muss die Besucher dort von null auf überzeugen. Die sind dort zum Beispiel wegen Rock und wollen fette Gitarrenriffs hören, doch dann komm ich mit Reggaesounds. Bei meinen ersten Songs geht da meist gar nichts! Mit der Zeit kommen dann auch die Leute zur Bühne, aber ehrlich gesagt, nervt dieser Einstieg. Manchmal sitze ich vor solchen Auftritten im Bus und frage mich, ob das echt sein muss. Aber nach einem Jägermeister oder Bier sieht die Welt schon anders aus.

 

Die letzten Worte gehören dir:

Grüße an Bigg G von Catch a Fire. Er ist mir eine riesige Hilfe. Viele Leute helfen mir, wie Manuel Mayer, DJ Cin und Steff. Ohne die wäre ich aufgeschmissen. Zieht euch außerdem noch mein neues Video rein: Leb mein Leben so wie ich mag. Mein Output hört nicht auf, ich schreibe an neuen Songs, drei oder vier sind schon fertig. Vor meinem nächsten Album wird es wahrscheinlich eine EP geben. Die Zukunft sieht rosig aus! 

 

 

 

Interview geführt von

Walter Schilling

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