Interview mit MC Bruddaal

„[Auf Schwäbisch zu rappen] ermöglicht mir ein ganz neues Vokabular“

Deutschrap gibt es seit Ende der 1980ern. Aber auf Schwäbisch, mit Humor und musikalischem Talent erst seid MC Bruddaal. Er ist zwar nicht der Erste, der mit dem Dialekt aus dem Ländle rappt, doch keiner zuvor konnte das auf hohem Niveau. Aus dem Nichts - ohne Label oder Marketingagentur - entstand sein Hit Du bisch mei Number One. Lustig und unterhaltsam rappt er im besagten Song, auf seinem Bonanzarad fahrend, über seine Liebe zu Stuttgart. Eineinhalb Jahre mussten die Fans auf das dazugehörige Album warten, doch mittlerweile ist der Langspieler Bollahits digital erhältlich. Grund genug, sich mit ihm auf ein kühles Bierle zu treffen, um mit ihm über seine Kunstfigur MC Bruddaal zu schwätzen. Im folgenden Interview sprach ich ihn auch auf sein früheres Alter Ego Enrico Express an.

Bevor du als MC Bruddaal auf der Bildfläche erschienen bist, hast du jahrelang unter dem Künsternamen Enrico Express gerappt. Wie kam es zu MC Bruddaal?

Als ich den Big Tasty Kritiker sah, musste ich dazu eine Rapparodie machen. Das Video und den Song selber habe ich an einem Wochenende gemacht - damals lebte ich noch in Berlin. Der Big Tasty Song war etwas ganz anderes zu dem, was ich davor gemacht habe. Es ging in Richtung Comedy und diese Richtung bereitete mir mehr Spaß, als ich gedacht habe. Gleichzeitig stimmte auch die Resonanz: Meine lustigen Songs hörten sich mehr Leute an als die vorherigen. Wobei ich das bis heute noch etwas komisch finde, weil in den vorherigen Videos viel mehr Arbeit gesteckt hat. Diese Comedy wiederum in ein neues Alter Ego zu stecken, kam während den Stuttgart21-Streiks zustande. Ich habe die dortige Protestkulisse genutzt, um mein erstes Video als MC Bruddaal zu drehen: Oba Bleiba. Mittlerweile ist der Song aber aus Youtube verbannt worden, weil ich auf ein fremdes Instrumental gerappt habe.  

 

Der Song Du bisch mei Number One ist 2013 rausgekommen, dein Album Bollahits aber erst 2015. Warum musste man auf die LP so lange warten?

Anfangs habe ich die Songs veröffentlicht, als ich sie fertig hatte. Es steckte kein großer Plan dahinter. Als der Song Du bisch mei Number One durch die Decke ging, wollte ich eine EP produzieren. Während der Arbeit daran ergab sich die Möglichkeit, im House of Music Studio zu arbeiten. Die Chance professionell Aufzunehmen habe ich dazu genutzt, um ein geiles Album zu produzieren. Ich wollte keine Lückenfüller auf dem Langspieler haben, nur um es schnell abliefern zu können. Ich habe die Aufmerksamkeit nicht dazu genutzt, um schlechte Songs zu verkaufen. Dadurch verstrich viel Zeit, bis ich es fertig hatte.

 

 

Produzierst du deine Beats selber?

Ich produziere das Meiste selbst. Am liebsten würde ich alles komplett selber komponieren, doch am Ende ist es auch eine zeitliche Frage. Deswegen greife ich auch gerne mal auf Samples zurück. Auf dem Album stammt nur ein Beat nicht von mir, denn letztendlich macht mir das kunstvolle Zusammenstellen der Töne auch selber Spaß. Natürlich wäre ich schneller mit meinen Songs fertig, wenn ich fremde Beats picken würde. Aber mir gefällt die Idee nicht, aus allen Spezialgebieten die besten Leute zu holen. Es macht auch Spaß sich zu überlegen, wie das Album aussieht, und selber zur Tat zu schreiten. Ich finde es langweilig nur Texte zu schreiben und alles andere abzugeben. 

 

Aber vielleicht ist es besser, sich nur auf das Rappen zu konzentrieren, wenn es das Einzige ist, was man kann. 

Das hat aber früher den Unterschied gemacht. Wenn eine Band schlecht produzieren konnte, dann war sie eben nicht so gut wie diejenigen, die es gut konnten. Die meisten die heute irgendeinen Hype haben, bekommen gleich gute Produzenten zur Hand und alle klingen gleich.

 

Wie ist es auf Schwäbisch Reime zu suchen?

Sehr lustig, denn es ermöglicht mir ein ganz neues Vokabular [lacht]. Auf Hochdeutsch wurden doch schon alle Reime gefunden. Oftmals gibt die Songidee, die Reime schon vor. Es macht mir viel Spaß auf diese Weise ganz neue Reime zu finden.

 

Konntest du schon immer Schwäbisch oder hast du dir dafür ein Hochdeutsch/Schwäbisch Wörterbuch besorgt?

Ein dickes Wörterbuch [lacht]. Nein, Quatsch. Ich bin zwar kein Urschwabe, aber je mehr ich mich mit der Sprache auseinandergesetzt habe, desto besser wurde mein Schwäbisch. Wenn ich mir meine ersten Songs anhöre, denke ich oft, dass mein Schwäbisch hier und da besser sein könnte. Vielleicht merkt man es auch auf der Bühne, dass ich daheim nicht mit dem Dialekt aufgezogen worden bin. Aber mittlerweile ist es auf einem guten Niveau. 

 

In deinem Song Uff dr A8 rappst du über die Stauproblematik in Stuttgart. Einer Studie zufolge ist der Stau in Stuttgart mittlerweile heftiger als in New York, Paris oder Rom. Wie nimmst du das für dich wahr?

Wirklich? In New York habe ich den krassesten Stau erlebt. Als ich mit dem Bus nach Manhattan gefahren bin, gab es einen Streckenabschnitt, in dem es sich von siebenspurig auf einspurig verengt hat. Der Weg verlief von einer Brücke runter zu einem Tunnel. Ich habe die gesamte Staustrecke beobachtet und konnte es gar nicht glauben. Es ging kaum vorwärts auf einer ewig langen Strecke. Meine Freundin ist zwischendurch eingeschlafen, als sie eine Stunde später aufwachte, haben wir es nur ein paar hundert Meter weiter geschafft. Wir befanden uns drei oder vier Stunden in diesem Stau! Aber es ist auch hier in Stuttgart sehr schlimm. Wobei ich davon nicht allzu viel mitbekomme. Ich muss für meine Arbeit Stuttgart verlassen und schwimme quasi gegen den Strom. 

 

Es ist fast egal, wo du dich in Stuttgart befindest, von 16 bis 17 Uhr stehst du überall.

Ja, die Willhelma und der Pragsattel kommen mir persönlich am schlimmsten vor. Es sind auch so viele Baustellen.

 

Auf deinem Album befindet sich der Song Kehrwoche. Wie sieht es mit der Kehrwoche bei dir aus? Musst du das heute noch machen?

Zum Glück nicht mehr. In meiner jetzigen Wohnung wird das anders geregelt. Zu WG-Zeiten musste ich das tatsächlich machen. Viele Dinge, die ich in diesem Song anspreche, sind wirklich so passiert. Zum Beispiel das Ankleben von Zettelchen an der Wohnungstüre mit der Bitte, die Kehrwoche zu machen. Als alle in der WG keine Lust hatten den Flur zu putzen, haben sich die Nachbarn auf diese Weise bemerkbar gemacht. 

 

 

Arbeitest du schon am nächsten Album?

Natürlich, ich spiele auf der Bühne mittlerweile auch schon Songs aus dem bald erscheinenden Album. Ich habe zum Beispiel einen Track, in dem ich nur Erfindungen aus Baden-Württemberg aufzähle. In der Hook heißt es unter anderem: „Das ist der Schwabenland Flavour, bevor wir es kaufen, bauen wir es lieber selber“. Davon abgesehen habe ich einen Song, der in Richtung Reggae geht und noch viele weitere Songideen. Wann das Album aber fertig wird, ist noch schwer zu sagen. 

 

Was für Erfindungen kamen denn aus Baden-Württemberg?

In dem Song habe ich es schön verpackt, aber um ein paar davon zu nennen: Das Teleskop, den Büstenhalter oder die Rechenmaschine.

 

Wie hast du diese Erfindungen gefunden? Über Suchmaschinen im Internet? 

Es gibt viele Bücher über die Erfindungen aus unserem Bundesland. Ich finde das Thema interessant und habe mir dazu eins gekauft. Man muss wirklich sagen, dass hier wahnsinnig viel erfunden worden ist. Die Windkraftanlage kommt auch aus Baden-Württemberg. Grundsätzlich werden die meisten Patente in Süddeutschland angemeldet. Übrigens kommt auch die Brezel aus Baden-Württemberg [Anm. d. Verf.: Bayern sieht das seltsamerweise anders].

 

 

 

Interview geführt 

von Walter Schilling

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