Interview mit Caz

„Ich vermeide einfach Situationen, die mich dazu bringen, Menschen zu hassen.“

Caz ist ein begnadeter Schreiber. Er schafft es, Emotionen und Momentaufnahmen sehr genau zu beschreiben. Aus dem Wort „Freundschaft“ macht er „Fremdschaft“ und rappt im gleichnamigen Song über die Entfremdung alter Freunde. Dinge, die jeder kennt. Wenn Caz das sinnlose Partyleben kritisiert, dann passiert es schnell, dass sich der aufmerksame Hörer ertappt fühlt: „Besoffen Bilder auf dem Klo geschossen / Und wir hoffen es ist eins dabei, das noch gut genug ist, um’s zu posten / Allen schnell mal zeigen, unser Abend ist echt fett gewesen / Um uns dann am Morgen wieder ganz allein ins Bett zu legen“. In Reimen wie diesen finden sich viele wieder. 

Caz lud mich zu sich in sein Homestudio ein, wo wir es bei eiskalten Smoothies gemütlich gemacht haben. Da lustigerweise durch Selena Gomez Wandlung Caz’ Song Micky Mouse Club wieder an Aktualität gewonnen hat, sprachen wir über den besagten Club, den Sinn des Lebens und sein Album Karmasutra. 

Freundschaften und Treue sind wichtige Motive in deinen Songs. Auf deinem Track A.S.I. rappst du zum Beispiel über Menschen, denen diese fehlen. 

Der Song A.S.I. hält meine Prinzipien fest. Ich habe nichts dagegen, wenn Leute feiern gehen. Aber es geht mir eher um den Grund, warum Leute auf Partys gehen. Man kann ganz normal unterwegs sein und sich wie ein Mensch verhalten, statt sich wie eine Hure anzuziehen. Dann ziehen sie obendrein noch irgendwelche Drogen oder schmeißen sich was ein, bevor sie sich wieder in den Schlaf weinen mit der immer gleichen Frage: „Warum liebt mich keiner?“ Aber wenn du jedes Wochenende mit jemand anderem ins Bett gehst, hast du dir gar nicht den Anspruch verdient, eine gute Beziehung zu führen. Das gilt für beide Geschlechter. Wenn ein Mann die ganze Zeit am Bitches f*cken ist, kann man nicht die beste Frau der Welt erwarten. 

 

 

Das ist eine Phase, die viele durchmachen.

Klar, aber es kommt auf das Alter an. Einem Sechzehnjährigen kann man es nicht übel nehmen, dumm zu sein. Wichtiger ist es, daraus zu lernen. Wenn man sich aber mit 26 noch so verhält, sollte man sich Gedanken machen. Es ist aber nicht so, dass ich zu den Leuten hingehe und ihnen erzähle, dass sie sich zu ändern haben. Ich verurteile sie nicht einmal groß. Aber ich kann doch nicht in einem Jahr mit zwölf Frauen schlafen und dann eine Jungfrau als Freundin erwarten. 

 

Das ist auch kein erfüllendes Leben.

Genau! Die meisten Leute merken das viel zu spät. Das sind doch die gleichen Menschen, die dann irgendwann sagen: „Ich will keine Kinder. Ich will nur Geld und Karriere“. Wenn sie aber merken, dass es im Leben nicht nur um Geld und Karriere geht, ist es meist schon zu spät. Man ist doch auf der Welt um sich fortzupflanzen, für wen hat man denn die Karriere gemacht?

 

Ist es für dich der Sinn des Lebens, Kinder großzuziehen?

Klar. Ich finde, dass ist das Wichtigste im Leben. Zumindest für mich. Es darf gerne jeder machen, was er will. Aber für mich ist dieses ständige Partyleben nichts.

 

Gehst du selber noch auf Partys?

Ich gehe zwar ab und zu mal auf eine Party, aber nicht in die Disco. Zu einer Party, bei der ich weiß, dass dort viele Drogen genommen werden, gehe ich gar nicht hin und kann daher mit mir im Reinen bleiben. Ich vermeide einfach Situationen, die mich dazu bringen, Menschen zu hassen.

 

Hast du den Song Good for you von Selena Gomez schon gehört?

Du meinst den mit der Dusche? Klar. 

 

Da musste ich mich an deinen Song Micky Mouse Club erinnern. Schon vor zwei Jahren hast du darüber gesprochen, dass Künstlerinnen, die bei World Disney anfangen, sich irgendwann verkaufen. Es ist ganz egal welche. Ob nun Britney Spears, Christina Aguilera, Miley Cyrus oder aktuell Selena Gomez. Das Image wird irgendwann von brav und niedlich zu hemmungslos und anstößig.

Das ist doch das Problem. Darauf darf man mittlerweile nicht mehr reinfallen. Britney und Christina sind noch in meiner Jugend groß gewesen, also lass uns mal über Christina genauer sprechen. Anfangs war sie noch ganz süß und brav im Fernseher anzusehen. So war auch ihre Fanbase. Christina hatte eine Kindersendung! Als die Kids dann aber älter geworden sind, hat sie sich mit ihnen weiterentwickelt. Wenn das Durchschnittsalter ihrer Fans zu beginn noch 12 war, waren sie bei ihrem Hit Dirty 16. Das ist das perfekte Alter, um eine Nutte zu werden und sich Christina als Vorbild zu nehmen. So wachsen ihre Fans mit ihrem Vorbild auf und werden nur negativ geprägt. Das Ekelhafteste daran aber ist, dass es komplett durchdacht ist. Wenn man genauer hinsieht, merkt man es auch. Denn der Plan ist immer der gleiche. Egal ob es nun Christina, Britney, Selena oder Miley ist, es ist immer die gleiche Masche. Ich glaube nicht einmal, dass die Künstler selber da irgendeinen Einfluss haben. Denen wird das von weiter oben aufgedrückt und werden dann sofort von der Presse auseinander genommen. Dann können die Künstler doch nichts mehr dagegen machen. Ab diesem Moment sind sie mundtot. Es lag mir am Herzen, darüber einen Song zu machen. Das ist mein Micky Mouse Club.

 

 

Dein Song wird vermutlich niemals an Aktualität verlieren. Selena Gomez ist doch der lebende Beweis.

Wenn, dann wird es nur schlimmer. Um diese Masche zu stoppen, müsste es einmal komplett ausarten. Doch es ist so hinterrücks geplant, dass es den Wenigsten auffällt. 

 

Es macht sich doch auch kaum einer solche Gedanken um die Disney Stars.

Es lebt sich doch auch ganz angenehm, wenn man weniger nachdenkt. Ich z.B. denke über viel zu viel nach. Ich glaube, dass man zufriedener lebt, wenn man weniger nachdenkt. Vor allem wenn man gelernt hat, sich über die richtigen Dinge Gedanken zu machen. Auf manche Dinge im Leben scheißen zu können, ist genauso wichtig wie das Nachdenken. Damit will ich nicht sagen, dass man auf afrikanische Bürgerkriege scheißen soll, weil sie so weit weg sind. Aber es braucht mich doch nicht zu interessieren, wer welche Klamotten trägt oder wie fett jemand ist. Das ist uninteressant. Genauso wie ich nicht darüber urteilen muss, wer hübsch ist und wer nicht. 

 

Aber du disst trotzdem den ein oder anderen Rapper. 

Das ist auch etwas anderes. Ich verurteile niemanden dafür, dass er so ist, wie er ist. Aber wenn jemand sich schrecklich und ekelhaft inszeniert und obendrein noch schlechte Musik macht, dann erwähne ich das. Es hat aber nichts mit dem Menschen zu tun, sondern lediglich mit seinen Songs, und da ich selber Musik mache, bietet sich das an. Aber ich bin nicht dafür bekannt, viel zu pöbeln. 

 

Du hast eine Unplugged-EP veröffentlicht. Hörst du selber gerne Unplugged-Songs? 

Nein gar nicht. Meine Unplugged-EP war einfach eine Herzensangelegenheit. 

 

Wie kam es dann dazu, wenn du das gar nicht hörst?

Es war Neujahr von 2013 auf 2014. Auf der Silvesterparty kam ich damals mit dem Musiker Rian ins Gespräch, der die EP 100% ohne Künstliche Zusätze mitproduziert hat. Ich habe das Projekt deswegen gemacht, weil ich mit meiner Stimme ein Unplugged machen kann. Ich kann einen Song nur mit einer Gitarre und meinem Rap ausfüllen. Es war eine Herausforderung, auf die ich sehr viel Lust hatte. Außer dem Unplugged von MTV, gibt es in dem Bereich nicht viel. 

 

Aber die fahren dafür richtig groß auf.

Klar, das Unplugged von Max Herre war sehr krass und das von Cro wird bestimmt auch sehr gut. Wobei man sich natürlich streiten kann, ob er zum jetzigen Zeitpunkt ein MTV Unplugged verdient hat. Man sollte doch Erfahrung mitbringen und sich schon bewiesen haben.

 

Max Herres Unplugged war schon sehr geil. Er hat es auch besser gemacht als viele andere seiner Rapkollegen. Auch international. Da kann nicht einmal Jay-Z’s Unplugged mithalten. 

Da kann ich nicht mitreden, weil ich von Jay-Z nie ein ganzes Album gehört habe. Er ist der amerikanische Bushido: Mehr Businessman als Musiker. Vielleicht lässt er sich mittlerweile auch wie Bushido die Texte schreiben. Damit wird in den Staaten auch viel offener Umgegangen als in Deutschland. In amerikanischen Credits stehen oftmals so viele Namen. Ich selber würde auch gerne die Texte für andere Rapper schreiben. Ich finde, dass ich sehr gut Texte schreiben kann und würde gerne mal wissen, wie es ist, für andere Songs zu schreiben. Man hat dabei andere Freiheiten. Ich müsste mich nicht mehr fragen, ob das zu mir passt. Ich könnte dann einfach einen richtigen Popsong schreiben oder auch gerne mal für andere Rapper. Irgendwann werde ich das auf jeden Fall machen. 

 

In deinem Song Fremdschaft rappst du über die Entwicklung von Freundschaft zu „Fremdschaft“. Wie sieht es da in deinem eigenen Leben aus? Schon selber öfter erlebt?

Klar, wer denn nicht? Ein Freund von mir wurde Vater von Zwillingen. Wenn ich daran denke, dass wir vor zwei Jahren sorglos gekifft haben und besoffen wie Vollidioten auf der Straße laut gesungen haben, ist die Entwicklung schon verrückt, weil es so schnell ging. Ein anderer Freund war fünf Jahre lang in Bielefeld und ist wieder zurück. Ich dachte mir: „Was? Schon fünf Jahre rum?“. Im Alter von 15 bis 20 oder von mir aus 23, ändert sich auf freundschaftlicher Ebene so viel. Aber der Song ist schon zwei Jahre alt, heute würde ich ihn wohl ganz anders schreiben. 

 

 

OKZ und Karmasutra sind doch Schummel-EPs. Die beiden Releases sind viel zu lang für den Titel.

Ich habe vor kurzem gelesen, dass EP’s maximal 30 Minuten lang sein dürfen. Aber die Zeit überschreite ich ja nur ein wenig. Bei OKZ habe ich nur fünf Minuten zu viel. Bei Karmasutra wollte ich ursprünglich nur sieben Tracks machen, aber es war mir dann zu schade für meine Fans. Die haben die EP gekauft! Da wollte ich sie nicht mit sieben Tracks abspeisen und habe dann eine kleine Zugabe obendrauf gepackt. 

 

Du hast mittlerweile schon eine ordentliche Diskografie. Es gibt drei EP’s von dir, die du alle innerhalb von einem Jahr veröffentlicht hast. 

Als ich beim VBT mitgemacht habe, merkte ich schnell, dass die Leute mich feiern. Da musste natürlich was kommen. Ich habe schon während dem VBT an der EP gearbeitet und sie nach wenigen Monaten veröffentlicht. Karmasutra dagegen, ist die einfache Schlussfolgerung auf OKZ. Anfangs wollte ich nach OKZ etwas ganz neues machen. Aber warum etwas neues machen, wenn ich das Alte noch nicht richtig gemacht habe? 

 

War nach Karmasutra die Luft raus?

Ja. Nachdem ich mich mehrere Monate auf ein Projekt konzentriert habe, fühle ich mich leer, wenn es fertig ist. Ich habe dann auch gar keine Lust mehr Beats zu hören oder Songs zu schreiben. Aber von einem auf den anderen Tag geht es bei mir wieder los. Plötzlich hörst du einen Beat und interessierst dich wieder dafür. Da kann ich auch nichts erzwingen. Ich muss nach einem Release erst mal warten bis die Lust wieder da ist. 

 

Karmasutra hast du ohne Label als CD verkauft. Wie war es für dich und wie lief es ab?

Das war so eine Arbeit. Vor allem mit der GEMA. Ein echter Papierkrieg und da ich die CD’s auch selber zusammenbasteln musste, war das mit viel Arbeit verknüpft. Aber dadurch konnte ich mir etwas Geld sparen. Jedenfalls ist viel Zeit vergangen, bis ich die CD’s bekam, und dann waren es die falschen! Das Presswerk hat mir die falschen CD-Hüllen geliefert. Ich bin schon davon ausgegangen, dass keiner seine CD’s rechtzeitig bekommt. Ich musste die CD’s auch selber versenden. Aber am Ende habe ich es trotzdem noch irgendwie geschafft. Karmasutra hatte auch nur eine kleine Auflage. Wenn es mal mehr CD’s werden, mache ich es definitiv nicht alleine. Wobei ich es auch nicht ganz alleine gemacht habe. Meine Mutter hat ein organisatorisches Talent und hat mir beim Verpacken und Verschicken unter die Arme gegriffen. 

 

 

Das MOT für den Splashauftritt ist beendet und der Sieger steht fest. Du hast in der Runde selber teilgenommen. Obwohl es sehr gut für dich aussah, bist du frühzeitig ausgestiegen. Wie fühlst du dich, wenn du an das Turnier zurückdenkst? 

Das Turnier ist ganz cool, aber ich finde es schade, dass es nicht so viel Aufmerksamkeit bekommt.

 

Dafür bekommt der Sieger ein großes Publikum und tritt beim Splash auf. 

Ja, aber so scharf war ich darauf gar nicht. Ich fand die Jury beim MOT cool und habe deswegen dort mitgemacht. Als mir mein Mann für die Videos abgesprungen ist, hatte ich keine Zeit gehabt, wen neues zu finden. Ich habe dort nur zwei Runden mitgemacht und die letzte davon gewonnen. Gar nicht mal so schlecht, oder?

 

 

Interview geführt von

Walter Schilling

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Kommentare: 1
  • #1

    Toni (Sonntag, 26 Juli 2015 18:35)

    Caz, ein Genie