Interview mit LIA

Wenn du es hier [in Stuttgart] nicht schaffst, dann ist es egal, wo du hingehst.

Zuerst das Studio, danach das Internet und irgendwann die Bühne rocken. Im Jahr 2015 ist das die Realität der meisten Newcomer, da das Internet vielen Künstlern ermöglicht, sich eine Fanbase aufzubauen, ehe sie beginnen, das Publikum live zu unterhalten. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen ist es für Künstler mittlerweile sehr einfach, die Technik, die nötig ist um Songs zu produzieren, im eigenen Schlafzimmer aufzubauen. Zum anderen ist die Zeit der Jams vorbei. Es gibt nicht mehr viele Bühnen, auf denen sich Talente beweisen können. Dadurch passiert es mittlerweile immer häufiger, dass Rapper zwar hoch in die Charts einsteigen, aber live nicht gut rüberkommen. Aber genau das ist bei Lia nicht der Fall. Durch glückliche Fügungen bekam sie früh die Möglichkeit Vorgruppe von Kool Savas, Eko Fresh, Method Man oder Bushido zu sein. Diese Erfahrungen kann ihr keiner wegnehmen und sie weiß sie einzusetzen. Bei ihrem Auftritt sah ich keine schüchterne Newcomerin, sondern eine erfahrene Rapperin. Viele ihrer Kollegen, mit deutlich mehr Fans im Internet, könnten da nicht mithalten. Man darf gespannt sein, was in Zukunft bei Lia, die über harte Drums und schnelle Hi-Hats rappt, passiert. Im Interview sprachen wir unter anderem über ihr neues Projekt.

Du beschreibst deine Musik selber als Trap mit Clubsounds. Ich würde da gerne noch Battlerap hinzufügen.

Ja, kann man sagen. Trap beschreibt eher die Musik. Wenn du auf die Texte gehst, darf man das auch Battlerap nennen.

 

Auf deiner EP battlest du hauptsächlich gegen Hater. Wirst du damit dermaßen oft konfrontiert?

Ja, auf jeden Fall! Als Frau ist es sowieso nochmal anders. Ich muss mir mehr Mühe geben, da ich auf das, was ich bin, reduziert werde. Bei einem Rapper sagt keiner: „Der hat schwarze Haare, deswegen höre ich ihn mir nicht an!“. Aber bei mir sagen sie ständig, dass sie meine Musik nicht hören, weil ich eine Frau bin. Seitdem ich rappe, beschäftigt mich dieses Thema und dann kommt es eben in meinen Texten zur Sprache.

 

Du sagst, dass es in der Rapwelt hart ist für Frauen. Was konkret hast du erlebt?

Das Interessante ist, dass mir gegenüber keiner abwertend spricht. Das passiert durch Facebook-Kommentare. Als Hip-Hop.de meine EP in Facebook gepostet hat, wurden wirklich krasse Kommentare geschrieben. Ich wurde auf das übelste beleidigt. Aber in der Realität traut sich keiner zu kommen und mir ins Gesicht zu sagen: „Du bist voll die B**ch“. 

 

Trifft es dich manchmal, wenn du das im Internet ließt?

Nein, weil es im Internet steht nicht.

 

Visa Vie hat sich letztes Jahr in einem sehr langen Facebookposte darüber aufgeregt, wie sie im Internet beschimpft wird. 

Das Ding ist doch: Es bringt nichts. Wenn eine Frau so etwas postet, dann sagt der nächste: „Die heult doch nur rum!“, dadurch hat man nichts verändert. In den Tracks ist es natürlich etwas, das mich beschäftigt. Ich würde auch lügen, wenn ich sage, dass es mich nicht juckt. Aber ich sitze doch nicht deswegen daheim und fange an zu heulen. Diese Kommentare sind zu erwarten und genau das passiert auch. Aber ich bekomme dafür in der Realität genug Respekt. Ich bekomme auch Props von den Leuten - auch von Künstlern. Warum soll ich auf einen Spinner, der nichts mit Musik zu tun hat, hören? Nur, weil er im Internet schreibt? Wie kann ich das Ernst nehmen?

 

 

Du rappst oft über Geld. Darüber, dass du es besitzt und ausgibst. Wie kommst du aktuell an dein Geld?

Ich habe einen ganz normalen Bürojob. Ich bin Industriekauffrau und tagsüber im Büro. Den Rest meiner Zeit widme ich der Musik. Ich verdiene gutes Geld und kann es mir deswegen gutgehen lassen. Darüber erzähle ich gerne und es macht doch Spaß. Hoffentlich auch den Leuten da draußen. Die können sich dabei denken: Sie lässt es sich gutgehen, mache ich auch so. 

 

Ist es manchmal stressig, nebenher Musik zu machen?

Definitiv. Aber so ist es nun mal und ich habe es mir selber ausgesucht. Ich könnte auch aufhören, aber das habe ich nicht vor. 

 

Du hast letztes Jahr deine EP veröffentlicht. Arbeitest du schon an den nächsten Sachen?

Ich hab schon was Neues fertig. Das Ding ist, es wird im Hintergrund immer viel gearbeitet, worüber man noch nicht sprechen kann. Man sucht Wege, wie man Releases am besten veröffentlicht. Es gibt Angebote und so weiter. Wir sind in Gesprächen, das Projekt ist fertig. 

 

Handelt es sich dabei um ein Album oder eine EP?

Dazu möchte ich noch gar nichts sagen. Ich bin fertig und warte darauf, es zu veröffentlichen. Ich schätze mal im Spätsommer oder Herbst wird es veröffentlicht.

 

Du hast in einem Interview selber gesagt, dass man Stuttgart kaum einen Sound zuordnen kann. Kann man in Deutschland von irgendeiner Stadt so etwas behaupten? „Dieser Sound ist Stadt XY“?

Wenn man es auf die aktuelle Musik bezieht, dann vielleicht Frankfurt. Das ist sehr straßenlastig, wobei es auch schon früher so war. In Berlin gibt es zum Beispiel viel zu viel verschiedene Sachen, als dass man sagen könnte, dieser Sound ist Berlin. 

 

Willst du dann auch selber nach Berlin? 

Nein, ich habe nicht vor hier [anmerk. d. Red.: Damit ist die Stuttgarter Umgebung gemeint] wegzuziehen. Ich finde es schön hier. 

 

Stuttgarter Rapper ziehen oft nach Berlin. Max Herre wohnt zum Beispiel schon länger nicht mehr hier. Die Orsons wohnen auch nicht mehr alle in Stuttgart.

Wenn, dann hätte ich das früher machen müssen. Ich kann meine Sachen doch auch von hieraus machen. Wenn du es hier nicht schaffst, dann ist es egal, wo du hingehst. 

 

 

Hörst du auch Deutschrap, der den Club bedient? Zum Beispiel John Webber & Yuri haben mit ihrem letzten Album diesen Weg ebenfalls eingeschlagen.

In Deutschland gibt es nicht das, was ich gerne höre. Das soll aber keine Hateration sein. Wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, dann hört man sich gewisse Rapper nicht mehr an. Vor allem als Frau. Man kann es sich mal anhören, ist lustig gerappt, aber wirklich anhören: Nicht unbedingt. Einfach wegen seiner Aussage. Vom Sound her gibt es nicht wirklich viel, was mir gefällt. 

 

Dann also aus Amerika?

Ja

 

Überwiegend neue Musik?

Ich höre ja nicht nur Rap. Aber was Rap angeht, sowohl mal die älteren Sachen wie Tupac oder Wu-Tang Clan als auch aktuelles. A$AP Rocky, Travis $cott oder Big Sean. Travis $cott ist auch kein Mainstreamsound, den sich jeder anhört. Darauf muss man schon klarkommen. 

 

Die letzten Worte gehören dir:

Ihr könnt hier meine Action EP gratis downloaden. Ansonsten: Neues Material ist in den Startlöchern!

 

 

Interview geführt von

Walter Schilling

Kommentar schreiben

Kommentare: 0