Interview mit Remoe

"Deutschland ist [Amerika] immer ein bisschen hinterher."

Interview mit Remoe
Interview mit Remoe

Autor: Walter Schilling

 

 

Remoe ist ein vielversprechendes Gesangstalent aus Stuttgart. Im Underground verschwinden neue Künstler fast täglich genauso schnell wie sie auftauchen. Doch bei Remoe lohnt es sich Zeit zu nehmen, seiner Stimme zu lauschen und seinen Soundentwurf auf sich wirken zu lassen. Er wirft sowohl RnB als auch etwas Rap in einen Topf, rührt das Ganze kräftig um und erschafft - in Deutschland - nie dagewesene Musik. Es mag zwar sein, dass sich schon viele an RnB auf Deutsch versucht haben, doch Remoe hat seine eigene Herangehensweise. Was er über sich und seine Kunst zu sagen hat, könnt ihr im folgenden Interview nachlesen.

Bist du schon aufgeregt vor deinem Auftritt?

Ich hatte auch schon einen Auftritt vor 4000 Menschen. Heute sind zwar weniger Menschen da, aber sie sind alle aus Stuttgart und viele davon aus meinem nahen Umfeld. Auch Musiker, mit denen ich schon zusammengearbeitet habe. Dadurch bin ich schon deutlich aufgeregter als vor einem großen, fremden Publikum. 

 

Man merkt tatsächlich, dass du hier viele Menschen kennst. Gerade im Backstage kennst du einige.

Ich kenn mittlerweile wirklich viele Leute innerhalb der Musikszene, obwohl ich selber noch gar nicht am Start bin. Ich arbeite noch im Untergrund, um alles vorzubereiten, dass wenn ich den Untergrund verlasse, mein Name schon steht. 

 

Das, was du bisher veröffentlicht hast, klingt sehr nach RnB. Was hast du für musikalische Vorbilder?

Definitiv Trey Songz! Das ist meine Nummer 1. Gefolgt von Drake. Er ist auch ein großes Vorbild von mir. An Trey Songz gefällt mir, dass er zwar RnB macht, aber mit Flows wie ein Rapper. Der hat auch mal gerne Double Time ähnliche Flows, was ich auch gerne mache. Meine bisherigen Veröffentlichungen sind noch gar nicht in diesem Stil, aber in diese Richtung produziere ich gerade. 

Kennen schon ein paar Leute des heutigen Publikums diese Songs?

Nein. Selbst mein Freundeskreis noch nicht. Aber Jumpa, der heute auch hier ist, dem schicke ich gerne über Whatsapp meine Sachen. AslanBeatz wird heute hier sein, mit dem ich einen Song - den ich heute hier vorführen werde - produziert habe. Die Cubeatz kommen heute auch, mit denen ich ebenfalls einen Song produziert habe. Für die werden das bekannte Songs sein. Alle anderen kennen aber nichts davon. 

 

RnB ist in Deutschland nicht wirklich groß. Was glaubst du, was der Grund dafür ist?

Ich denke, dass die Musik in Deutschland noch nicht so weit ist wie in Amerika. Dort ist RnB größer als Hip-Hop-Musik. Deutschland ist da immer ein bisschen hinterher. Ich finde aber, dass man es mit RnB auch schwerer hat, weil es noch keiner gemacht hat. Wenn du aber dann doch am Start bist mit deiner Mucke, dann funktioniert das extrem gut. Das ist das Bushido Prinzip: Er war der erste Gangsterrapper in Deutschland. Egal wie lange er jetzt am Start ist, es funktioniert immer und immer wieder, da er einer der Ersten war - wenn nicht sogar der Erste. Ich denke, so wird das auch mit RnB sein. Wenn es guter RnB ist, dann wird das auch funktionieren. No Hate, es gibt auch gute Sänger in Deutschland. Ich bin bestimmt nicht der krasseste. Ein J-Luv [anm. d. Red.: Mittlerweile Julian Williams] ist ein krasser Sänger, aber er macht Musik, die nicht viele anspricht - eher Musiker unter sich. Die finden es dann krass, was er macht. Das normale Publikum checkt es aber meist nicht. Bei ihm ist alles so lieb. Bei meinen neuen Songs ist es frecher, provokanter. Vielleicht kann man sich das auf diese Weise leichter merken. Ich weiß es zwar nicht, aber ich hoffe doch, dass es so funktioniert. 

Du erzählst, dass du schon im Alter von acht Jahren Mundharmonika gespielt hast. Ist die Liste der Instrumente, die du beherrscht, schon länger geworden?

Ja, aber mit acht Monaten habe ich nicht Mundharmonika gespielt, es war mehr ein Spielzeug. Ich wollte statt einem Schnuller lieber eine Mundharmonika haben. Klavier spiele ich, weil ich im Alter von drei Jahren mit meinen Eltern in einer Klavierfabrik gewohnt habe. Das war wie eine Werkswohnung. Meine Eltern waren dort Hausmeister und dafür durften wir bei der Firma wohnen. Ich durfte dort immer runter, um etwas zu spielen und habe es mir irgendwann selber beigebracht. Ein bisschen Gitarre kann ich auch spielen, bin da aber kein Profi. Mein Instrument ist immer noch meine Stimme. Aber mittlerweile produziere ich selber, das kommt dann über das Piano und ist dadurch schon einfacher. 

 

Wie lange habt ihr in dieser Klavierfabrik gelebt? War das hier in Stuttgart?

Ja, das war in Leonberg, die Fabrik Pfeifer. Wir haben dort über 15 Jahre lang gelebt. Ich bin in dieser Zeit aber nicht zu Mozart geworden. Ich habe Soundtracks von Kinderfilmen nachgespielt und so fing es mit diesen Melodien an. Dadurch habe ich mir Klavierspielen autodidaktisch beigebracht. 

„Dadurch habe ich ein Ohr dafür, welcher Ton schief sein könnte und anders zu klingen hat.“

Dadurch hast du Musik schon als kleines Kind um dich herum gehabt.

Eben. Ich glaube es ist auch ein Vorteil. Was auch gut war, dass ein Blinder dort gearbeitet hat, der die Töne gestimmt hat. Ich durfte ihm oft zuschauen und zuhören. Dieser Mann hat mir sehr viel beigebracht. Dadurch habe ich ein Ohr dafür, welcher Ton schief sein könnte und anders zu klingen hat. 

 

Das klingt nach einer Ausbildung.

Genau.

 

Du hast auch schon einen Song mit Nazar aufgenommen. Wie ist der zustande gekommen?

Den Song habe ich gemeinsam mit O.Z produziert. Ich hatte meinen eigenen Part und eine Hook schon gehabt, als ich Nazar angeschrieben habe - ganz typisch: „Hey ich habe einen Song und du würdest da richtig gut reinpassen“. Anfangs war er total skeptisch, nach dem Motto: „Zeig erst mal. Dann spreche ich das mit meinem Label ab“. Als er es dann aber gehört hatte, haben wir gleich Handynummern ausgetauscht. Während unseres Telefonats sagte er mir, dass er das Lied unbedingt auf seinem Album haben will. Ursprünglich wollte er auch meinen Part, aber Universal Austria hatte etwas dagegen. Es war sein erstes Album bei diesem Label und sie wollten, dass die gesamte Aufmerksamkeit Nazar gehört. Universal hatte bedenken, dass sich vielleicht zu viele Leute für einen Newcomer wie mich interessieren könnten. Letztendlich ist dann der Song nur mit meiner Hook veröffentlicht worden. Er versprach mir aber als Gegenleistung einen Part auf meinem Album einzurappen. Aber mal schauen. Es ist jetzt nicht so, dass Nazar mir etwas deswegen schuldet. Es war auch eine coole Erfahrung für mich. Wir haben noch immer Kontakt und Nazar ist ein sehr, sehr lieber Kerl.

 

Hast du ihn auch besucht?

Anfangs sollte ich nach Österreich fliegen, er wollte mir auch einen Flug buchen. Aber es war letztendlich dann viel einfacher die Dateien rüberzuschicken. 

 

Wie sieht dein kreativer Schaffensprozess aus? Nimmst du nachts auf? Schreibst du unterwegs? Nüchtern? Betrunken? High?

Ganz unterschiedlich. Drogen sind aber nicht meins. Ich versteh das auch nicht. Wenn du keine Drogen nimmst und dann im Studio damit anfängst, dann bist du doch viel zu geflasht von den Drogen. So kannst du keine Songs aufnehmen. Ich denke, dass können Leute machen, die regelmäßig kiffen. Aber ich kiffe nicht. Wenn ich an einem Joint ziehe, dann will ich wahrscheinlich eher schlafen gehen als Musik machen. Bei mir ist es immer nüchtern und sehr konzentriert. Am liebsten nachts. Es kam aber auch schon vor, dass ich einen Beat produziert habe und am nächsten Tag im Flieger dazu was geschrieben habe. Kann eigentlich überall passieren. Musik ist Kunst, und Kunst musst du machen, wenn du es fühlst. 

 

Sind deine Songs autobiografisch? Im Klartext: Wie viele Nachbarn kennen deinen Namen? 

Ehrlich gesagt habe ich den besagten Song vor fünf Jahren aufgenommen. Ich wollte ein deutsches Remake zu Neighbors know my name machen. Damals war es nicht Realität. Aber heute ist es schon so, dass Frauen mal meinen Namen laut schreien. Es ist auch schon zu Beschwerden von Nachbarn gekommen. Gott sei Dank ist es Tatsache geworden. 

Du hast also damals über die Zukunft gesungen?

Richtig (lacht).

 

Wie musikalisch ist deine Familie, wenn sie in einer Klavierfabrik gearbeitet haben?

Meine Mutter singt mal gerne beim Kochen, mehr aber nicht. Mein Onkel mütterlicher Seite, der ist ein überkrasses Talent. Der spielt etwa zehn Instrumente und singt. Vielleicht ist es doch in meinen Genen. Aber meine Mutter ist keine Popsängerin und mein Vater kein harter Rockstar. Meine Mutter hat mich früh zur Musik gebracht. Sie hat mich mal zu einem Flötenkurs angemeldet als ich sechs Jahre alt war. Es hieß anscheinend mal, dass Flöte der Grundstein der Instrumente sei. Hat aber nichts gebracht und ich kann auch keine Flöte spielen. 

Bei mir in der Grundschule gab es auch eine Lehrerin, die da Kurse ab der ersten Klasse gegeben hat. 

Es ist natürlich cool Musik zu machen. Aber Flöte? Ich glaube mich erinnern zu können, dass ich damals gut darin war, aber Flöte hat doch gar keine Zukunft.

 

Wahrscheinlich hast du dort nichts verpasst. Unterstützen dich deine Eltern bei der Musik und wie kann man sich deinen Alltag vorstellen?

Ich wohne alleine und kann dadurch nachts auch mal lauter werden, sofern die Nachbarn nicht stressen. Meine Eltern leben zwar getrennt, aber sie wissen beide darüber Bescheid. Songs wie Nachbarn kennen meinen Namen versuche ich vor ihnen zu verstecken. Meistens kriegen sie es trotzdem mit. 

 

Du zeigst ihnen also nur manche Songs von dir?

Ich mache so etwas gar nicht. Es ist immer meine Schwester, die ihnen sehr viel vorspielt. Meine Musik spricht meine Eltern aber überhaupt nicht an. Was noch dazu kommt, ist, dass ich Türke bin. Meine Familie ist zwar modern, sie tragen zum Beispiel keine Kopftücher mehr, aber eine blonde Freundin sorgt auch mal für Gesprächsstoff. Meine Mutter zeigt auch meine Videos nicht herum, aber sie steht voll und ganz hinter mir! Ich spiele mit dem Gedanken nach Berlin zu ziehen, da meinte sie: „Überleg es dir noch mal. Wenn es aber wirklich das ist, was du machen möchtest, zieh ruhig um.“ Scheiße ist natürlich, dass sie fließend deutsch spricht. Sie versteht was ich singe. 

 

Gab es peinliche Momente?

Peinlich nicht unbedingt, aber es ist schon unangenehm. Man muss es sich so vorstellen, als ob du dir als Teenie einen Porno anschaust. Plötzlich kommt deine Mutter rein und erwischt dich. Im Prinzip ist es das Gleiche. Aber meine Mutter kann das dezent ignorieren. Sie sagt oft einfach nur: „Cooles Video. Hast du gut gemacht.“ 

 

Die letzten Worte gehören dir.

Es wird definitiv Zeit, dass ich neue Musik an den Start bringe. Wenn alles gut läuft, wird es dieses Jahr eine neue EP geben. Dort werde ich RnB und HipHop vereinen. Hört es euch an, danach kann man sich immer noch eine Meinung bilden, ob RnB in Deutschland funktioniert. Es stehen aber auch noch andere Projekte an, über die ich jetzt noch nichts sagen kann. Zusätzlich habe ich ein paar Produktionen platziert, auch bei bekannteren Leuten. Auch mal die ein oder andere Hook. Man wird also mehr von mir hören als sonst.

 

Das Video wurde am 28.04.16 aktualisiert.


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