Interview mit Takt32

„Berlin hat auch eine gewisse Härte. Man muss darauf aufpassen, wie man rappt!“

Autor: Walter Schilling

 

 

Zur Eröffnung des neuen Stuttgarter Labels Rough Rockz erschien auch Takt32 für einen Auftritt, den ich für ein kurzes Interview zur Seite nahm, um unter anderem über sein Debütalbum Gang zu reden. Auf dem Langspieler lenkt er die Aufmerksamkeit nicht nur auf sich sondern auch auf seine ganze Gang. Es entstand ein Album über seine Freunde und das Leben in Berlin. Folgerichtig erschien er zum Konzert mit großer Entourage. Seine LP verherrlichte nicht das Großstadtleben, sondern berichtet auch über die Schattenseiten von Berlin. Reflektiert rappt er darüber, dass Drogen sowohl zum Genuss genommen werden als auch um den Alltag zu entfliehen. Doch Takt32 ist mehr als ein Rapper. Der ehemalige Sprayer war auch jahrelang Leistungssportler. So sprachen wir über die Unterschiede zwischen Berlin und Stuttgart, sein Sportstipendium u.v.m. 

Mit deinem Stipendium für die USA bist du schon fast wie ein Streber unterwegs.

Es hängt doch immer davon ab, wofür man sein Stipendium bekommt. Ich hatte ein Sportstipendium. Das heißt ich bin vielleicht ein Sportstreber, wenn du das sagen möchtest. Akademisch bin ich zwar nicht auf den Kopf gefallen, aber ich bin nie einer gewesen, der viel gebüffelt hat. Bei Sachen, die mich interessieren, bin ich natürlich voll dabei, sei es musikalisch oder auch akademisch. Wenn mein Interesse geweckt ist, dann geh ich darin voll auf. 

 

Du hast es geschafft, auf dein Album Gang ganze 21 Songs zu packen, von denen keiner langweilig oder belanglos ist.

Das freut mich, wenn du es so siehst, das ist schön. Das haben sowohl Freunde zu mir gesagt als auch viele Reviews gelobt, die ich dazu gelesen habe [anmerk. d. Red.: Weil es einfach stimmt!]. Das ist zum einen musikalisch zu verdanken, weil wir viel experimentiert haben und es nicht eintönig gehalten haben. Inhaltlich muss man aufpassen, dass man keinen Standardscheiß erzählt.

 

Wie lief die Produktion zu deinem Album ab? Jeden Tag ein neuer Song?

Das ist manchmal ganz unterschiedlich. Ich habe viel im Studio selber gemacht. Ich bin jemand der viel aufschreibt, wenn er unterwegs ist. Aber oftmals sind das nur Notizen, die ich im Studio zu einzelnen Songs ordne. Dort kann es passieren, dass ich nur eine Hook mache oder aber einen ganzen Song an einem Tag. Das ist sehr unterschiedlich. 

 

 

Du sagst selber von dir, dass du stolz bist, „das Problem“ zu sein. Warum bist du darauf stolz?

Es geht um die gesellschaftlichen Normen und Kriterien, an die sich unsere Gesellschaft hält. Dort gibt es bestimmte Teilbereiche, sei es die Vorstellung von Kunst oder einer Lebensart, bei der ich mir denke: Wenn das eure Normen sind, bin ich lieber „das Problem“ und entspreche nicht euren Erwartungen. Dadurch bin ich stolz das Problem zu sein. 

Gerade der Begriff „Stolz“ ist eine schwierige Definitionsfrage. Doch ich finde, dass man nur auf seine eigenen Taten stolz sein kann. 

 

Beim Patriotismus ist es ja so, dass man irgendwo geboren wird. Dafür hat man keine Leistung erbracht. Darauf kann jeder stolz sein. 

Das ist genau das Problem. Patriotismus ist für mich schwierig. Wenn jemand sagt, er sei stolz zum Beispiel Deutscher zu sein, ist das für mich idiotisch. Dazu hast du doch nichts beigetragen. Das ist ein Zufallsprinzip. Du hättest genauso gut Senegalese sein können. Das kann natürlich schön sein, wodurch man für seine Nationalität dankbar sein darf. Dankbarkeit verstehe ich, aber nicht Stolz. Das ist für mich auf die eigenen Taten bezogen. 

 

Du hast gestern einen Facebookpost hochgeladen, dass du wieder im Studio bist. 

Ich war bis um 4 Uhr im Studio und bin dann direkt mit dem Auto losgefahren. 

 

Du warst also kurz im Studio, hast ein Foto gemacht und bist dann losgefahren?

Nein, nein. Gar nicht. Wir waren schon fünf bis sechs Stunden im Studio. Ich bin jemand der abends sehr kreativ ist und habe den Abend dafür genutzt. Ich bin froh wieder im Studio zu sein. Die Leute denken immer, das Album kommt raus und der letzte Song ist ein Tag vorher fertig geworden. Aber Mastering und Mix ist immer schon zwei Monate vorher passiert. Das heißt, alles was ich für Gang geschrieben habe, habe ich im November, Dezember geschrieben. Mittlerweile sind fünf, sechs Monate vergangen. Da freut es mich sehr, wenn ich wieder im Studio sein kann.

 

November und Dezember. Also hast du knappe zwei Monate für das Album gebraucht?

Ich habe es relativ schnell geschrieben. Ich hatte viele Notizen und habe die Texte dann schnell runter geschrieben. Ich habe vielleicht sechs Wochen an dem Album geschrieben. 

 

Du hast davor noch nicht viele Songs veröffentlicht, was es vielleicht einfacher macht Songideen zu finden. 

Ja, schon. Wir haben in der Zeit viel produziert und gemacht. Dann musst du am Ende nur noch aussortieren, was du auf das Album packst. 

 

Du hattest trotz 21 Songs noch immer welche, die es nicht auf das Album geschafft haben.

Voll viel. Da entsteht so viel. Man macht dabei ja gerne mal spontane, kreative Sachen, die am Ende aber nicht reinpassen. Die Tracks müssen ja auch zum Album passen. Da gab es viele davon.

 

 

Zum Beispiel ein Liebeslied?

So etwas nicht. Das ist nicht meins. Aber Songs, die einfach nicht in das Konzept passen. 

 

Es gibt ja viele Alben, die komplett durchgemischt sind. Dadurch gibt es keinen eigenen Vibe mehr auf dem Album. Aber Gang hat ganz klar seinen Vibe! Am Ende gibt es ja noch ganz spezielle Remixe.

Cool, das freut mich, dass du es so siehst. Bei den Remixen toben sich die Produzenten einfach aus. Die haben manchmal eine andere Vorstellung von dem Song als man selber.

 

Viel Erfahrung auf der Bühne hast du ja schon durch Rap am Mittwoch. Wie ist das jetzt bei deinen Soloauftritten? Hilft dir die gesammelte Erfahrung dabei?

Definitiv. Rap am Mittwoch ist eine Schule, die jeder durchmachen sollte. Da geht es darum, dass du auf der Bühne stehst, wo jeder Fehler bestraft wird. Jeder Textfehler, Überlegungsfehler, Stimmfehler. Wenn du das hinter dir hast, ist ein normaler Auftritt wie ein Heimspiel. Ich kenne meine Texte und weiß, wie ich sie performen muss. Da ist man viel sicherer. Das merkt man natürlich auch bei Rappern aus Rap am Mittwoch. Wenn sie auf der Bühne performen - so viele gibt es ja nicht von ihnen - sind sie dort sehr stark. 

 

Ist es eine andere Erfahrung, die man mitnimmt, als zum Beispiel beim VBT?

Genau. Das ist ein Videobattleturnier. Da stellst du dich in deine Booth und rappst deinen Text ein. Das kannst du fünf, sechs oder tausendmal aufnehmen. Bei Rap am Mittwoch hast du nur eine Chance. Wenn du verkackst, ist es vorbei. So ist es bei Auftritten nun mal auch. 

 

Wie stellst du Rap am Mittwoch Leuten vor, die es nicht kennen?

Es ist eine riesige Liveveranstaltung aus den Elementen des MC’ing und Battlerap. Die Urbattlerapveranstaltung, die es überhaupt gibt. Von der Art und Weise wie es vertreten wird, repräsentiert es Hip-Hop an sich.

 

In ganz Europa oder nur innerhalb von Deutschland?

Innerhalb Europa gehört es sicherlich zu den stärksten, wenn es nicht sogar Das stärkste Rapturnier ist. Französische Rapligen sind noch einen Ticken größer und haben mehr Aufmerksamkeit. Aber das liegt auch daran, dass Französisch viel weiter verbreitet ist als Deutsch. Jedoch im deutschsprachigen Raum ist Rap am Mittwoch unantastbar. 

 

 

Mauli ist heute auch da. Ihr seid gemeinsam auf dem Splash! gewesen und habt davon berichtet, wie ihr aus dem Backstagebereich Flaschen mitgenommen habt. Macht ihr heute in Stuttgart gemeinsam die Nacht unsicher?

Diesmal haben wir Gott sei Dank den Backstage für uns - mitsamt den Flaschen. Wir können nur uns selbst beklauen. Mauli ist auch ein Berliner. Wir kommen aus der selben Gegend, dadurch kennen wir uns. Wenn wir natürlich schon in der gleichen Stadt spielen, können wir später schauen was noch geht. Ganz klar: Berliner halten immer zusammen.

 

Ihr seid aber nicht gemeinsam hergefahren.

Nein, wir fahren unabhängig. Man kennt sich und chillt auch gemeinsam in Berlin. Aber jeder hat noch seine eigenen Jungs um sich herum. Ich bin mit meinen Leuten hergereist, und da wir auch Kumpels in Stuttgart haben, sind wir schon früher hier gewesen. Mauli kommt noch etwas später. 

 

Dein erstes Mal in Stuttgart?

Nein, ich bin schon ein paar Mal in Stuttgart gewesen. Ende letzten Jahres war ich hier auf dem Beatbattle mit Jumpa, meinem Produzenten. Auch auf dem Hip-Hop Open war ich vor zwei oder drei Jahren. Es herrscht eine coole Atmosphäre hier. Die Leute sind viel freundlicher als in Berlin. Ich mag Stuttgart. 

 

Man merkt es auch an der chilligen Musik, die hier veröffentlicht wird. 

Die Städte sind anders. Berlin hat auch eine gewisse Härte. Man muss darauf aufpassen, wie man rappt und was man sagt. Es gibt da ein paar Leute, die genau darauf achten. Stuttgart ist dagegen sehr entspannt. 

Mir ist sowas zum Glück noch nie passiert. Aber ich kenne einige Leute, wenn du da die falsche Line bringst, stehen sie vor einem Konzert da und wollen mit dir darüber reden. Es geht da ganz schön fix zu und ein paar sind schon sehr aggro drauf.

 

Es gibt ja tatsächlich Künstler, die schon „Berlinverbot“ haben. Sie werden in Berlin nicht mehr gebucht und bekommen dort keine Auftritte mehr. 

Ist definitiv bei manchen ein Sicherheitsrisiko, das nicht zu unterschätzen ist. Es hängt aber auch davon ab, wer dieses Berlinverbot erteilt hat. Jeder möchte ja gerne „Berlin- oder Europaverbot“ erteilen.

 

In Berlin sind ja viele Schwaben unterwegs, jetzt bist du ein Berliner unter Schwaben. 

Ich fühle mich hier wohl. Ich habe den Eindruck, dass die Schwaben hier cooler sind als die in Berlin. Ich weiß nicht warum, aber unsere Schwaben sind sehr bonzig und irgendwie…

Ich möchte das auch gar nicht pauschalisieren. Ich garantier dir, das sind am Ende des Tages nur ein oder zwei Schwaben, die so scheiße sind. Aber auf die triffst du dann immer! Der Großteil ist bestimmt cool. Aber hier in Stuttgart sind sie alle mies entspannt. Ich habe grundsätzlich nichts gegen Schwaben. Aber bei uns in Berlin benehmen sie sich anders als hier. Aber ich wette Berliner benehmen sich hier auch anders als bei uns. 

 

Du sagst ja selber von dir, dass du Journalistenfragen analysierst. 

Ich habe ja selber studiert. 

 

Was hast du studiert?

Ich habe Politikwissenschaften und Philosophie studiert. Aber auch viel im medienwissenschaftlichen Bereich gearbeitet. Da analysiert man natürlich schnell die Fragen und die Journalisten an sich. Ich achte darauf, was wie gestellt wird. Worauf die Person selber achtet. Das passiert automatisch. Das mache ich gar nicht bewusst, um mich dann zu verstellen. Es ist ein reiner Automatismus, den ich mir aufgrund der Berufserfahrung angeeignet habe. Aber alles cool Digger, läuft bei dir. 

 

Du kennst dich aus im französischen Rap. Was sind für dich wohl die drei wichtigsten Rapalben aus Frankreich?

Eines der krassesten Alben ist von Lunatic - ein Rapduo bestehend aus Booba und Ali. 

 

 

Supreme NTM, Supreme NTM

 

 

Aber auch das Album Paris Sous Le Bombes, ebenfalls von Supreme NTM ist ein echter Klassiker. Eigentlich fast alles von NTM. 

 

 

Aber auch die neuen Sachen von Booba, wie Autopsie.

 

 

Du feierst auch die neuen Sachen von Booba?

Voll! Auch D.U.C. ist krass. Der Junge zieht einfach durch, worauf er Bock hat. 

 

Wobei er mittlerweile immer wieder schlechte Kritiken bekommt. 

Es ist halt einfach extrem!

 

Ich selber höre kaum französischen Rap. Oest Side von Booba habe ich früher sehr viel gehört. Aber dadurch, dass ich die Sprache nicht verstehe, ist es schwierig für mich.

Ja, das stimmt. Oftmals geht es auch viel um Lyrik. Nehmen wir zum Beispiel Oxmo Puccino. Wenn du den Text nicht verstehst, bringt es dir nicht viel. Klar ist der Vibe und der Beat cool. Aber es flasht dich nicht so sehr. 

 

Ich stelle mir das selber oftmals wie bei Kendrick Lamar vor. Wenn du sein neues Album nicht verstehst, dann kannst du es gar nicht bewerten.

Gar nicht. Sein Album ist ja für Afroamerikaner geschrieben. Das kannst du nur verstehen, wenn du auch Verständnis für die afroamerikanische Geschichte hast. King Kunta zum Beispiel. Ich bezweifle, dass 80% der Deutschen den Song überhaupt verstehen. Die Lyrik gehört zwar zur Musik dazu, aber es muss nicht immer um den Inhalt gehen. Manchmal geht es auch nur um den Vibe. Wie es transportiert wird und um das Lebensgefühl. Manchmal ist es auch die Mischung, die es macht, oder eben etwas Einzelnes das heraussticht. Das muss jeder für sich selber entscheiden, was er feiert. 

 

Die letzten Worte gehören dir:

Wir machen jetzt erstmal miese Party und Grüße an alle Stuttgarter. Kommt mal nach Berlin, damit ich ein paar coole Schwaben treffe. 

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