Genetikk - Achter Tag

Note: 2-3


Während sich die Thematik in Genetikks erstem Album von Schizophrenie bis hin zu Voodoo erstreckte, stand im darauffolgendem Album ihr Dasein als Alien bzw. dritte Spezies im Zentrum. Für ihr aktuelles Album Achter Tag haben sie das alles hinter sich gelassen, um Mensch zu sein (gepaart mit etwas Mythologie). Genau wie jeder Mensch ist auch Achter Tag nicht vollkommen und weißt hier und da Schwächen auf. Dies wird vor allem bei den (oder eventuellen noch ausgekoppelten) Singles deutlich. Da ist zum Beispiel der Song mit dem gelungenen Video Wünsch dir was, in dem es unter anderem heißt: „Nur sehen wir nicht, dass von den Diamantenketten Blut trieft. Sneakers oder Blue Jeans? Made in der Dritten Welt. Wollen nicht drauf verzichten, sogar wenn uns das Gewissen quält. Mehr für uns, weniger für die“. Er bezieht sich zwar mit in die Gesellschaftskritik ein, doch als jemand, der in seinen Videos, Interviews und Konzerten mit Silberringen und teuren Sneakern auftritt, stellt er nicht das ideale Vorbild dar. Auf 22MMM heißt es aber: „Mich interessieren keine Reviews und Hypes. Alles was ich will ist ein neues paar Nike!“ Gleichzeitig kritisiert er in Wünsch dir was die Gier nach mehr, Gleichgültigkeit, Flüchtlingspolitik, Verteilung der Ressourcen, den deutschen Staat, Banken, jedoch bleibt er sehr oberflächlich, da er die Probleme nicht weiter thematisiert: „Du willst 'ne Yacht vor der Küste? Im Wasser treibt, wer's nicht geschafft hat, zu flüchten“.


Das nächste Debakel lautet: Don’t legalize it. Gegen die Legalisierung von Gras zu sein ist derzeit in Mode. Marsimoto veröffentlichte vor kurzem einen Track zu demselben Thema.  Das Stück von Genetikk & Sido sieht dagegen blass aus, weil sie es weder geschafft haben lustig noch nachdenklich zu sein oder gar überzeugend zu rappen. Aber vielleicht können sie damit stupide Radiohörer zum Nicken bringen.

Doch wo Schatten, da ist bekanntlich auch viel Licht - wovon Achter Tag mehr als genug hat. Genetikk haben ihre eigene Vision von Boombap. Kick und Drum sorgen auf Songs wie Überüberstyle, Rap Superstar oder 22MMM für Kopfnicken. Die Loops sind bis dato die musikalischsten, die es von Genetikk je gab. Der Grund dafür ist der Produzent und Multiinstrumentalist Samon Kawamura. Er stand nicht nur Sikk bei den Beats mit Rat und Tat zur Seite, sondern spielte auch viele Instrumente ein und wird in den Credits zu fast jedem Song erwähnt. Beim hervorragendem, mystischen Outro Outta this world wird er sogar als Hauptproduzent betitelt. Wenn wir schon bei mystisch sind: Der Beat zu Mein Kung Fu schlägt in die gleiche Kerbe. Spätestens zum Album Achter Tag hinkt der Wu-Tang Vergleich mit Genetikk. Sie haben mittlerweile ihren eigenen Sound erschaffen. Nicht jeder düster klingende Boombapsong ist auf Wu-Tang zurückzuführen.


Karuzo selber lässt auf dem Langspieler zum ersten mal Blicke hinter seine Maske zu. Auf Mal es in den Wolken rappt er über seine ersten Male, spricht viele verschiedene Szenarien - wie das erste Begräbnis, oder die erste Liebe - an. Doch noch ehe man als Hörer einen tieferen Blick riskieren konnte, ist der Song schon zu Ende. Auf dem Song Sterne wird das Tor zu Karuzos Inneren noch ein weiteres Mal geöffnet: „Ja es stimmt, ich musste durch die Hölle gehen, nur um mich selbst zu finden […] Nach dem Tod - Es wär' so schön zu bleiben. Wenn unsere Seelen schwerelos in die Höhe steigen“ Zwischen Vergangenheit und Zukunftsängsten findet sein Gespräch mit Gott statt. Dadurch, dass Karuzo seine Ängste, Hoffnungen und Erlebnisse allgemein hält - trotz Ich-Perspektive -, sorgt er beim Hörer für Empathie. Denn eine harte Kindheit oder Schicksalsschläge hatte (fast) jeder. Max Herre rappt in seinem Part des Songs eine kryptische Religionskritik.


Sikk und Karuzo haben in Interviews erklärt, dass bei ihren neuen Videos jede einzelne Szene streng analysiert worden ist und viel über die Daseinsberechtigung der einzelnen Bilder gesprochen und entschieden worden ist. Schade, dass sie nicht derart kritisch mit den Songs ihres Albums waren. Sonst wären wohl mindestens zwei Songs nicht auf diesem Album gelandet und wir hätten uns alle über einen neuen Klassiker freuen können.


Von Walter Schilling

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