Torch - Blauer Samt

Das Releasedatum von 2000 ist wohl der Hauptgrund dafür, dass dieses Album nicht den nötigen Respekt und die Aufmerksamkeit bekommen hat, die es verdient hat. Auf Wir waren mal Stars hat Torch es schon gewusst, dass er out ist. Torch gilt in den Augen vieler als erster Deutschrapper. Um Details kann man sich streiten, doch die Vorreiterrolle, die er mit Advanced Chemistry hatte, bleibt unvergesslich. Noch heute zollen ihm Künstler seinen verdienten Respekt (z.B. Marsimoto mit Grüner Samt). Doch das „was wäre wenn“, wenn er sein Album ein paar Jahre eher released hätte, spielt keine Rolle mehr und mindert die Qualität des Langspielers kein Stück. Zeitlos ist Blauer Samt alle mal. Wie wäre es wohl Teil der Jamzeit des HipHops gewesen zu sein? Ich frage mich das immer wieder wenn die CD läuft. Sehr viel Nostalgie schwirrt hier mit. Die Atmosphäre wird wohl kein anderes Album, kein neueres Album mehr haben können. Blauer Samt, Erinnerungen an eine andere Zeit.


Torchs A cappella auf Der flammende Ring zeigt den Unterschied. Torch stellt seine Zeilen in einem gedichtförmigen Vortrag vor. Meine Deutschlehrerin aus Grundschultagen hätte an dieser Art großen Gefallen gefunden. Auch die Wahl seiner Worte und des Inhalts der Geschichte ist genial. Dieser Anspielpunkt ist DAS HipHop-Gedicht.


Natürlich darf auf dem ersten und einzigen Torchalbum Advanced Chemistry nicht fehlen. Auf Als ich zur Schule ging stellen sie HipHop als eine Schule vor. In der Hook ein Sample das immer und immer wieder HipHop ruft. „Können und Talent waren die erste Disziplin/ Als ich Torchmann, bei Hip Hop zur Schule ging“. Diese Hommage an die Pioniere des HipHops ist nur schwer in wenigen Worten zu beschreiben. Man könnte seitenlange Berichte über all die Verweise schreiben.


Heute gibt es in den meisten Standardsongs aufwendigere Beats, flüssigere Flows und bessere Reime. Blauer Samt aber, hat seinen ganz eigenen Charme. Es ist wie der Besuch zum besten Freund, der die Wohnung mal wieder nicht ganz aufgeräumt hat. Obwohl bei ihm nicht alles sauber ist, genießt du den Aufenthalt und kommst wieder. Denn die Atmosphäre ist super! Ich hab geschrieben zeigt den Torchstyle in einer weiteren Facette. Ein Rapper und Graffiti Writer, Songschreiber und MC. „Ich hab meinen Namen gemalt 1000 Mal und mehr/ Meist als Meisterwerk damit es das Selbstbewusstsein stärkt/ Ich hab Tags mit nem Stein in die Scheiben von Bushaltestellen gekratzt/ Damit mir der Kopf nicht platzt!“ Obendrein ein interessantes Storytelling.


Storytelling wird auch auf Blauer Schein groß geschrieben. Torch rappt hier - aus der Sicht eines Geldscheines - was er von Geld hält, was Geld aus Menschen macht, vor allem aber was es letztendlich aus der Welt gemacht hat. „Träumst du wirklich von deiner Freundin, die du liebst/ Oder is’ses BMW von dem du nicht genug kriegst“. Ein Zitat aus Gewalt oder Sex. Ein Song den Torch an einen ehemaligen Graffiti Writer und großartigen Breaker gerichtet hat. Leider ist er an einer Überdosis Heroin gestorben. In diesem Song hat Torch viele Zeilen, die einem zum Denken anregen. Später heißt es: „Die sich für uns opfern wie Mahatma Ghandi/ Mutter Theresa, Thomas Sankara/ Kurt Tucholsky oder Afrika Bambataa/ So ein Mensch müsste eigentlich unser Held sein/ Doch seh' ich sein Gesicht nicht auf unsern Geldschein“. Was Denkanstöße angeht ist vor allem das Outro von Morgen ausgezeichnet (und somit auch das Outro vom Album). Torch verlässt den Hörer mit einem Abschnitt aus dem Film Fürsten der Dunkelheit (1987). Auf diesem Album geht es nicht einfach nur darum über Beats zu rappen, sondern dem Hörer etwas auf dem Weg mitzugeben. Mehr als nur einen Ohrwurm.


Wobei auch Torch seine Hits auf dem Album hat. Wir waren mal Stars ist wohl mit Fremd im eigenen Land der bekannteste Song an dem er mitgewirkt hat. Wir waren mal Stars hat eine eingängige Hook mit einer Melodie die jedem Hörer sofort ins Ohr geht. Und natürlich ist hier wieder HipHop das Thema. Doch hier geht es um die Rolle die Torch hat und hatte. Doch was sag ich, das Lied kennt fast jeder. Zuletzt muss erwähnt werden, dass Torch mit Hey Mädel auch einen potentiellen Radiohit auf dem Album hat. Nur war das Radio damals noch nicht bereit für HipHop. Wenigstens in dieser Hinsicht war Torch seiner Zeit voraus. 


Von Walter Schilling

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